Wenn alles zu viel wird: Welche Rolle spielt Überforderung bei Missbrauch und Mobbing?

—

3–5 Minuten

Von Cathrin Rieger

Schon am Morgen, wenn du den Arbeitsplatz oder die Klasse betrittst, merkst du: Irgendetwas stimmt nicht. Du nimmst Blicke wahr, hörst ein Flüstern, ein leises Lachen. Dein Körper reagiert sofort: die Schultern spannen sich an, der Bauch zieht sich zusammen, und alles fühlt sich schwerer an, als es sollte. Diese Schwere kann sich ausbreiten: Der Atem wird flach, obwohl es keinen körperlichen Grund gibt.

Missbrauch und Mobbing wirken genau so: Sie engen ein und nehmen Leichtigkeit.

Überforderung ist dabei mehr als ein „zu viel“. Sie ist ein Signal deines Körpers.

Oft spürt dein Bauch längst, was dein Kopf noch nicht greifen kann.

Dein Gefühl kann dir zeigen, wo du Abstand brauchst oder dich schützen solltest.

Viele merken erst spät, wie sehr ihr Nervensystem unter Druck steht. Müdigkeit, innere Unruhe oder dieses Gefühl, neben sich zu stehen, sind oft die ersten leisen Hinweise.

Überforderung ist mehr als nur Stress

Wer immer wieder herabgesetzt, ausgelacht oder ausgegrenzt wird, merkt schnell: Es betrifft nicht nur die Psyche. Der ganze Körper reagiert. Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft, Schutzmechanismen laufen ständig mit und selbst kleine Reize können sich bedrohlich anfühlen. Das ist kein „Überempfindlichsein“, sondern ein System, das versucht, dich zu schützen und dabei an seine Grenzen kommt.

Soziale Verletzungen wie Beschämung, Schikanen oder Mobbing können langfristig belasten und traumatisierende wirken. Wenn kein sicherer Raum da ist, können sie sogar starke Stressreaktionen auslösen, die über das Erlebte hinaus nachwirken.

Systemische Zusammenhänge: Überforderung ist nie isoliert

Überforderung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist hat immer eine sytemische Komponente und betrifft die gesamte Familie, die Schulgemeinschaft, den Verein oder den Arbeitsplatz.

In diesen sozialen Systemen wirken Machtstrukturen, unausgesprochene Regeln, Loyalitäten und Hierarchien, die verletzende Dynamiken verstärken können.

Die Forschung zum systemischen Trauma zeigt, dass diese sozialen Kontexte nicht nur individuelles Leid verschärfen, sondern selbst zu Quellen von Traumatisierung werden können (vgl.https://dgsf.org/ueber-uns/gruppen/fachgruppen/trauma-und-system/fachgruppe-trauma-und-system).

Versagen Institutionen dabei, tragfähige Schutzstrukturen zu schaffen, erleben Betroffene nicht nur das ursprüngliche Ereignis, sondern zusätzlich den Verrat durch das System, dem sie vertrauen sollten. Auf diese Weise werden sie auf zweierlei Art Opfer: im Englischen wird passend zwischen victim und sacrifice unterschieden. Diese Dynamik, die als institutionelles Versagen bezeichnet wird, verstärkt die Überforderung und verlängert das Leid, weil die Betroffenen nicht nur mit dem Trauma selbst, sondern auch mit dem Scheitern der sie schützenden Systeme umgehen müssen.

Sekundärbetroffenheit: Überforderung zieht Kreise

Überforderung betrifft nicht nur die unmittelbar Betroffenen. Eltern, Partnerinnen, Freundinnen und Fachkräfte erleben, wie Nähe selbst belastend werden kann. Sie hören zu, trösten, versuchen zu schützen – und geraten dabei selbst unter Druck. In der Forschung spricht man hier von sekundärer Traumatisierung (vgl. Margarete Udolf).

Die Belastung der Unterstützenden wird oft unterschätzt. Sie kann zu Schlafstörungen, Beziehungsproblemen sowie Gefühlen von Ohnmacht oder Schuld führen. Nur wenn sie selbst Räume für Sicherheit und Austausch haben, können sie Betroffene langfristig begleiten.

Was wir daraus lernen können -sichere Orte gestalten

Überforderung ist kein persönliches Problem, sondern ein körperliches und systemisches Signal. Sie zeigt uns, wo Schutz, Anerkennung sowie menschliche Würde fehlen. Daraus können wir lernen, sichere Orte zu schaffen:

  • Hinschauen, statt wegzusehen: Verletzende Dynamiken benennen, Schweigen brechen, Beobachtungen ernst nehmen und transparent machen
  • Psychologische Sicherheit schaffen: Räume, in denen Menschen offen und ohne Filter sprechen können, ohne Angst vor Scham, Beschämung, Gaslighting oder Ausgrenzung
  • Verantwortung übernehmen: Klare Regeln, transparente Abläufe und eine Begrenzung der Macht reduzieren systemische Verletzungen und fördern eine „Kultur des achtsamen Miteinanders”
  • Unterstützung zugänglich machen: Beratung (auch externe), Austausch und professionelle Begleitung sollten selbstverständlich sein
  • Gemeinschaft stärken: Belastungen gemeinsam tragen, statt still allein zu leiden.

Überforderung ist kein Makel oder ein Zeichen von Schwächse, sondern ein wichtiges Signal: Sie erinnert uns daran, bewusst auf unsere eigenen Gefühle und die der anderen zu achten, auf unser Bauchgefühl zu hören und Systeme so zu gestalten, dass Schutz, Sicherheit und Würde für alle gewährleistet sind.

Wie erlebe ich die Umsetzung dieser Punkte in meinem beruflichen Umfeld?





Hilfsangebote:


Gewalt hat viele Formen: digital, emotional, körperlich. Niemand muss damit allein bleiben. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und auf Wunsch auch in Gebärdensprache. Auch Unsicherheiten und Zweifel können dort besprochen werden.

Telefon: 0800 22 55 530

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite

https://www.hilfetelefon.de

Unter der Nummer 116 016 und via Online-Beratung unterstützen wir Betroffene aller Nationalitäten, mit und ohne Behinderung – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Fachkräfte beraten wir anonym und kostenfrei.


Quellen und zum Weiterlesen:

https://dgsf.org/ueber-uns/gruppen/fachgruppen/trauma-und-system/fachgruppe-trauma-und-system

https://www.moses-online.de/fachartikel-sekund%C3%A4re-traumatisierung-p%C3%A4dagogischen-fachkr%C3%A4ften-kinder-jugendhilfe



Entdecke mehr von Perspektivwechsel – Das Magazin

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Perspektivwechsel - Das Magazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen