Wenn es wehtut, aber niemand es sieht – Über psychische und emotionale Gewalt

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4–7 Minuten

Von Cathrin Rieger

Ganz druckfrisch habe ich in nahezu einem Zug Philipp Rulands Buch „So verletzt. Die zerstörerische Kraft psychischer Gewalt und emotionaler Verletzungen“ verschlungen. Das Buch ist alles andere als leichte Kost; es beschreibt überaus treffend, worum es so selten geht, wenn über Gewalt gesprochen wird: die unsichtbaren Wunden, die schmerzen, aber dennoch niemand sieht,für die keine Anzeige erstattet wird und die dennoch ein Leben verändern.

Philipp Ruland, Psychotherapeut und SPIEGEL-Bestsellerautor, schreibt in „So verletzt“ über das, was er selbst kennt. Allerdings ist das keine Fallbeschreibung, keine kühle Theorie, sondern er schreibt aus dem Inneren eines Menschen, der die Schatten seiner eigenen Kindheit lange mit sich getragen hat, bevor er Wege fand, sie zu verstehen und zu benennen. „So verletzt“ findet eine Sprache für das, was so viele Menschen erleben und oft so lange nicht fassen können.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Psychische und emotionale Gewalt hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Und dennoch sind die Folgen real: ein dauerhaft beschädigtes Selbstbild, tiefsitzendes Misstrauen, die Unfähigkeit, Nähe zuzulassen oder gegenüber anderen Grenzen zu setzen. Beziehungsmuster, die sich wiederholen, ohne dass man weiß, weshalb.

Ruland beschreibt, wie diese Art von Verletzung entsteht: durch Manipulation und Schuldumkehr, durch Beschämung und Spott, durch emotionale Kälte, durch Kontrolle und Isolation. Das geschieht oft nicht in einem einzigen dramatischen Moment, sondern als langsames Einschreiben in die Seele. Ein abwertender Kommentar hier, ein ignoriertes Bedürfnis dort, eine Reaktion, die das Erleben des anderen als falsch markiert. Das mag einzeln betrachtet oft bagatellisierbar und scheinbar harmlos wirken; in der Summe ist es jedoch zerstörerisch und man muss es klar benennen: Gewalt.

Was das besonders tückisch macht, ist das sog. Gaslighting: der Mechanismus, durch den Betroffene dazu gebracht werden, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Das war doch gar nicht so gemeint. Du bist zu empfindlich. Das bildest du dir ein. Wir hätten doch über alles reden können, wenn du dich gemeldet hättest. Wer das lange genug hört, glaubt es irgendwann. Nicht weil es stimmt, sondern weil Beziehungen uns formen und eben auch manchmal deformieren.

Nicht nur in Partnerschaften -auch in Organisationen

Was Philipp Ruland vor allem für enge Beziehungen und frühe Prägungserfahrungen beschreibt, lässt sich unmittelbar auch auf Arbeitsbeziehungen übertragen. Meist in asymmetrischen Konstellationen – zwischen Vorgesetzen und Mitarbeitenden. Denn die Mechanismen sind dieselben, nur tragen sie andere Kleider.

Wer aufmerksam hinschaut, erkennt dieselben Muster und wer mehr darüber erfahren möchte, wie sich toxische Führung in Organisationen entfaltet und warum Teams so lange schweigen, findet dazu einen vertiefenden Beitrag hier im Magazin: „Die Kunst, Menschen klein zu halten“.

Toxische Führung funktioniert nicht mit Fäusten; sie funktioniert mit Atmosphäre: Mit dem ständig wechselnden Kurs, der Mitarbeitende in dauerhafter Unsicherheit hält, mit Micromanagement, das signalisiert: Ich vertraue dir nicht. Mit öffentlicher Beschämung im Meeting, der kurz darauf kein Wort der Klärung folgt, mit Launenhaftigkeit, die das gesamte Team auf Zehenspitzen gehen lassen, immer auf der Hut, woher der Wind oder die entsprechende Stimmung gerade weht.

Man muss es klar benennen: Das sind keine Führungsstile, das sind toxische Verletzungsmuster.

Und sie hinterlassen die gleichen Spuren wie das, was Ruland in „So verletzt!“ für den privaten Raum beschreibt: Selbstzweifel, Erschöpfung, das Gefühl, nie gut genug zu sein und die absurde Tendenz, die Verantwortung dafür lange bei sich selbst zu suchen.

Was fehlt, ist oft die Sprache dafür: Mitarbeitende die Angst haben, die innerlich kündigen, ohne genau zu wissen weshalb, Teams, die funktionieren, aber nicht mehr atmen. Führungskräfte, die das Klima vergiften und denen gegenüber niemand offen reden kann -auch nicht, wenn ein Kollege oder eine Kollegin tatsächlich weggeht- weil Macht nun einmal asymmetrisch verteilt ist.

Hier braucht es Menschen, die genau hinschauen; die wissen, was sie sehen, welche Muster dahinter stecken, auch dann, wenn es sich nicht auf Anhieb benennen lässt.

Warum wir dieses Thema häufiger brauchen

In der pädagogischen, beraterischen und therapeutischen Arbeit begegnen uns täglich Menschen, die diese Erfahrungen tragen. Manchmal wissen sie selbst noch nicht, dass das, was sie erlebt haben, einen konkreten Namen hat. Dass es nicht ihre Schwäche war und dass die Erschöpfung, das Misstrauen, die Schwierigkeit mit Nähe, Reaktionen auf etwas sind, das real war, auch wenn niemand es gesehen hat.

Ruland gibt diesem Erleben Würde und eine laute Sprache zurück, indem er sagt: Dein Schmerz ist real. Deine Wahrnehmung war richtig. Für viele Menschen ist es der erste Schritt raus aus dem toxischen, gewaltvollen System, indem man anerkennt und benennt, was ist.

Als Menschen, die mit Menschen arbeiten, tragen wir eine besondere Verantwortung: die Verantwortung, psychische Gewalt in all ihren Erscheinungsformen und Facetten zu erkennen, in Klienten und Klientinnen, in Systemkontexten, in Organisationen und, wenn wir ehrlich sind, manchmal auch in uns selbst, in unseren unreifen, noch unheilen Mustern. Daher ist es umso wichtiger genau zu reflektieren, ggf. auch begleitet durch Supervision oder Therapie: in der Art, wie wir Macht ausüben, in den Momenten, in denen wir jemanden beschämen, ohne es zu merken, in unserer gewaltvollen und eskalierenden Sprache unter Stress oder im Konflikt, in den kleinen Dominanzgesten, die wir nicht hinterfragen, weil sie schon so normal, alltäglich geworden sind.

Dieses Buch macht damit einen Anfang.

Es schafft Sprache, wo Sprachlosigkeit war sowie Bewusstsein. Das ist in der professionellen Arbeit mit Menschen keine Kleinigkeit, sondern die Grundlage für wirklich heilsame Begegnung.

Auswege

Veränderung beginnt dort, wo jemand aufhört, den eigenen Schmerz kleinzureden: mit Selbstempathie als ersten, mutigen Schritt zu sich selbst, gefolgt von allem, was die Tür zu den eigenen Gefühlen wirklich öffnet: Biographiearbeit, Aufstellungsarbeit, Mediation, Supervision, therapeutische Begleitung und all jene Prozesse, die dem Inneren, der eigenen Welt endlich Raum geben. Denn der Teufelskreis emotionaler Gewalt dreht sich so lange weiter, bis jemand ,mit der richtigen Begleitung, lernt, das Erlebte nicht länger als eigene Schuld zu (er-)tragen, sondern als Geschichte, die sich neu schreiben lässt.


Philipp Ruland: „So verletzt. Die zerstörerische Kraft psychischer Gewalt und emotionaler Verletzungen und wie du wieder heilen kannst.“ 2024.

Website von Philipp Ruland: https://psychotherapie-ruland.de/




Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld Unterstützung benötigt:


Sexueller Missbrauch hat viele Formen: digital, emotional, körperlich. Niemand muss damit allein bleiben. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und auf Wunsch auch in Gebärdensprache. Auch Unsicherheiten und Zweifel können dort besprochen werden.

Telefon: 0800 22 55 530

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite



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