Von Cathrin Rieger
Ich bin tief berüht, auf wieviel Resonanz mein Artikel „Die Kunst, Menschen klein zu halten – Über Macht, Anpassung und das Schweigen in Organisationen.“ bei Leserinnen und Lesern gestoßen ist! Ob diese Resonanz positiv ist, sei dahingestellt. Sie zeigt vor allem eines: Es gibt weit mehr Betroffene toxischer Führung, als allgemein angenommen wird.
Fakt ist: Zahlreiche Menschen erleben entwürdigendes, verletzendes, beschämendes und zutiefst belastendes Führungsverhalten. Dieses Thema begegnet mir auch immer wieder in meinen Supervisionen. Viele Mitarbeitende verlassen das Büro der Führungskraft mit Tränen in den Augen. Häufig bleibt das Weinen nach außen unsichtbar, doch die Seele weint und leidet.
Immer wieder erreichte mich dabei dieselbe Frage:
- Was kann ich tun, wenn ich merke, dass meine Führungskraft mir nicht guttut?
- Was kann ich tun, wenn ich Gewalt am Arbeitsplatz erlebe?
Diese Fragen waren der Anlass für diesen zweiten Teil. Er soll genau hier ansetzen.
Wenn Schweigen krank macht
Menschen, die in einem toxischen Umfeld arbeiten, passen sich oft schleichend an: Man denkt länger nach, bevor man etwas sagt. Man wägt jedes Wort mehrmals ab und achtet dabei genauestens auf die Launen des Gegenübers: Wie ist er oder sie denn heute drauf? Man beginnt, sich selbst zu hinterfragen und an sich zu zweifeln. Der eigene Ärger und die Gefühle werden heruntergeschluckt, um Konflikte zu vermeiden. Schweigen fühlt sich sicherer an als das Risiko, in den Fokus zu geraten oder erneut verletzt zu werden.
Dieses Schweigen ist es, das krank macht, denn es raubt Energie, Selbstvertrauen und mit der Zeit auch die Freude an der eigenen Arbeit. Was anfangs als Schutzmechanismus dient, wird zur inneren Gefangenschaft. Der Körper reagiert, lange bevor der Kopf begreift, was eigentlich geschieht.
Der erste Schritt aus dieser Ohnmacht beginnt nicht im Außen. Er beginnt bei uns selbst: Bei der Einsicht und dem eigenen Eingestehen.
Die eigene Wahrnehmung ernst nehmen und dokumentieren
Toxische Führung ist subtil und kaum greifbar: viele kleine Gemeinheiten. Abwertende Bemerkungen, widersprüchliche Erwartungen und häufige Kurswechsel, jemand mit wichtigen Entscheidungen am langen ARm verhungern lassen, Enzug der Anerkennung sowie ständige Kritik ohne Orientierung und das Gefühl, nie zu genügen, sind typisch. Viele Betroffene fragen sich irgendwann, ob sie überempfindlich sind oder sich „einfach nicht so anstellen sollten“.
Wird die Arbeit dauerhaft als belastend empfunden, wenn Angst, Anspannung oder Erschöpfung zu ständigen Begleitern werden, dann sind das ernst zu nehmende Warnsignale. Sie verdienen unbedingte Aufmerksamkeit. Diese Warnsignale ernst zu nehmen, sind keine Zeichen von Schwäche, sondern ganz im Gegenteil, ein Zeichen von Selbstachtung.
Durch die systematische Verunsicherung verlieren Betroffene ihren eigenen inneren Kompass. Daher ist der erste Schritt kein Gespräch mit der Führungskraft, sondern die Rückgewinnung der eigenen Deutungshoheit:
- Was erlebe ich konkret?
- Was passiert wiederholt? Welches typische Muster zeigt sich?
- Wie reagiere ich körperlich?
Dinge aufzuschreiben, nüchtern und ohne Rechtfertigung, kann bereits stabilisierend wirken. Eine Dokumentation in einem Art „Schikane-“ oder „Mobbing-Tagebuch“ bietet Orientierung und Entlastung.

Das Schweigen brechen: behutsam und bewusst
Toxische Dynamiken leben von Isolation: Wer glaubt, allein betroffen zu sein, verliert schneller den Boden unter den Füßen. Ein erstes, vorsichtiges Gespräch mit einer vertrauten Kollegin oder einem Kollegen kann entlastend wirken. Oft zeigt sich, dass ähnliche Erfahrungen gemacht werden, nur bisher niemand darüber gesprochen hat. Solch ein Gespräch dient nicht, um zu klagen oder zu lästern, sondern um Realität, den eigenen „Film“ zu prüfen.
Auch Gespräche außerhalb des Unternehmens können helfen: mit Freunden oder Supervisor*innen oder einer Mobbing-Beratung . Ein Blick von außen schafft Abstand und hilft, das eigene Erleben einzuordnen. Schon das Aussprechen kann ein erster Akt der Selbstermächtigung sein.
Der Umgang mit dem Thema „Hoffnung“ und die Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört
Zahlreiche Betroffene arbeiten noch härter, werden angepasster und selbstkritischer. Alles in der Hoffnung, die Situation irgendwie reparieren zu können. Das ist verständlich, aber auch gefährlich: Führung, die systematisch beschämt, kontrolliert, ständig den Kurs wechselt oder manipuliert, ist kein individuelles Missverständnis. Nein, sie ist ein strukturelles Problem! Diese klare Unterscheidung entlastet und kann ein Wendepunkt sein: Die Täter-Opfer-Umkehr und das Gaslightning beenden sowie die Hoffnung auf Besserung, wenn ich noch härter arbeite, wenn ich… – loslassen.
Grenzen klären: innerlich vor äußerlich
Wo ist eigentlich meine Grenze? Nicht jede Grenze muss sofort ausgesprochen werden. Es beginnt óftmals mit einer inneren Klarheit: Das ist nicht normal. Das ist nicht gesund. Das muss ich nicht aushalten.
Erst daraus können überlegte Schritte folgen: Gespräche und Beratung, Eskalation, Wechsel intern oder bewusster Abschied und die Kündigung.
Die Frage, die am meisten Mut erfordert
In der Supervision stelle ich oft eine hilfreiche sowie entscheidende Frage:
Was kostet es Sie, wenn alles so bleibt, wie es ist?
Und das meine ich nicht moralisch, sondern real: auf körperlicher, seelischer und biografischer Ebene.
Körperlich zeigt sich der Preis oft früh: in chronischer Anspannung sowie Verspannung, Schlafstörungen, Erschöpfung oder diffusen Stresssymptomen
Seelisch geht es an die innere Sicherheit: Selbstzweifel nehmen zu, die eigene Wahrnehmung wird unsicher, Lebendigkeit und Zuversicht ziehen sich zurück
Biographisch schließlich ist Aushalten kein neutraler Zustand, sondern beeinflusst Entscheidungen, bremst eigene Entwicklung und schreibt sich als Erfahrung von Ohnmacht oder Anpassung in die eigene Lebens- und Arbeitsgeschichte ein.
Fazit: Nimm dich selbst ernst
Dieser Folgeartikel von „Die Kunst, Menschen klein zu halten“ soll keine schnelle Lösung versprechen. Toxische Führung ist selten mit einem einzigen Gespräch oder Feedback erledigt. Es gibt allerdings Handlungsspielräume und ein Leben jenseits dieser giftigen, schädlichen Dynamiken: Der erste Schritt ist, sich selbst wieder ernst zu nehmen: dem eigenen Gefühl wieder zu trauen: Alles Weitere baut darauf auf.
Zur Autorin
Cathrin Rieger ist Systemischer Coach, Mediatorin und Trainerin. Sie arbeitet zu Fragen von Haltung, Prävention, professionellem Handeln und Organisationsentwicklung.
Weitere Informationen unter:
www.perspektivwechselcathrinrieger.de

Foto: Foto von Hannah Olinger auf Unsplash
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