Montagmorgen, 7:42 Uhr. Ein Flur irgendwo in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Ein Kind sitzt auf der untersten Treppenstufe und zieht keine Schuhe an. Nicht den linken, nicht den rechten. Es sitzt einfach da und schaut.
Über ihm steht ein Erwachsener mit Autoschlüssel in der Hand, Kaffeebecher in der anderen und einem Termin um 8:15 Uhr im Kopf. Er sagt den Satz, den wir alle kennen: „Jetzt mach doch endlich!“
Wer von beiden führt gerade?
Die ehrliche Antwort lautet: das Kind. Und zwar nicht, weil es frech ist, sondern weil sein Nervensystem den Ton angibt. Der Erwachsene glaubt, er führe mit Worten. In Wahrheit reagiert er nur noch.
Wir führen, bevor wir sprechen
Ich bin approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Wirtschaftspsychologin. Ich arbeite mit Kindern und Eltern, mit Teams in Kitas und Schulen, mit Therapeutinnen und mit Führungskräften in Unternehmen. Und ich sehe überall dasselbe: Bevor ein Mensch ein Wort sagt, hat sein Körper schon gesprochen.
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges nennt das Neurozeption. Unser Nervensystem prüft unablässig und unbewusst, ob wir sicher sind. Es liest Stimmen, Gesichter, Tempo, Atem. Ein Kind merkt in Sekundenbruchteilen, ob der Erwachsene vor ihm ruhig ist oder unter Strom steht. Lange bevor es versteht, was er sagt.
Das heißt: Wer gestresst „Beruhige dich!“ ruft, sendet zwei Botschaften. Die Worte sagen „ruhig“. Der Körper sagt „Alarm“. Und Kinder glauben immer dem Körper.
Kolleginnen übrigens auch. Und Eltern beim Entwicklungsgespräch. Und wir selbst, wenn wir abends im Bad stehen und uns fragen, warum der Tag so anstrengend war.

Der Perspektivwechsel: Vom Verhalten zum Zustand
Mein Buch heißt „Nervensache Führung“. Es ist für Führungskräfte geschrieben, und trotzdem gilt alles darin genauso für Erzieherinnen, Lehrer, Therapeutinnen, Mütter und Väter. Das liegt an einem einzigen Perspektivwechsel.
Wir fragen normalerweise: Was tut dieser Mensch? Das Kind trödelt. Die Kollegin blockiert. Der Vater ist laut. Der Teenager knallt die Tür.
Die bessere Frage lautet: In welchem Zustand ist dieser Mensch gerade?
Ein Kind, das sich nicht anziehen lässt, ist oft nicht trotzig, sondern überfordert. Eine Kollegin, die jeden Vorschlag abwehrt, ist oft nicht schwierig, sondern erschöpft. Ein Vater, der im Elterngespräch laut wird, ist oft nicht respektlos, sondern voller Angst um sein Kind.
Verhalten ist die Oberfläche. Darunter liegt ein Nervensystem, das entweder sicher ist, kämpft, flieht oder erstarrt. Und auf diesen Zustand haben wir mehr Einfluss, als wir denken. Allerdings nicht mit Argumenten.
Ko-Regulation: Die wichtigste Fähigkeit, die niemand im Lehrplan hat
Kinder können sich anfangs nicht selbst beruhigen. Sie leihen sich die Ruhe der Erwachsenen. Fachleute nennen das Ko-Regulation. Ein ruhiges Nervensystem überträgt seine Ruhe auf ein aufgewühltes, so lange, bis das andere sie selbst halten kann.
Ich habe das als junge Kindergärtnerin im Sandkasten gelernt, Jahre bevor ich das Wort kannte. Da war ein Mädchen, das niemandem in die Augen sehen konnte. Ich habe sie nicht bedrängt. Ich bin einfach da geblieben, habe ihr Angebote gemacht und ausgehalten, wenn sie Nein sagte. Nach Monaten lachte sie zum ersten Mal. Nicht, weil ich die richtige Methode hatte. Sondern weil mein Nervensystem ihr lange genug „sicher“ gesagt hatte.
Und jetzt kommt der Teil, der für uns Erwachsene unbequem ist: Das funktioniert nur, wenn wir selbst reguliert sind. Man kann nicht verschenken, was man nicht hat.
Darum beginnt gute Führung, egal ob am Frühstückstisch, im Gruppenraum oder in der Teambesprechung, immer bei uns selbst.
Vier Orte, an denen wir führen
Wir führen unsere Familie, auch wenn wir es nicht so nennen. Jeder Morgen ist eine kleine Führungsaufgabe mit Zeitdruck, Widerstand und sehr ehrlichem Feedback.
Wir führen als Eltern unsere Kinder, und manchmal führen unsere Kinder uns, direkt an unsere wunden Punkte.
Wir führen im Kollegium, auch ohne Leitungsfunktion. Wer in der Teamsitzung ruhig bleibt, wenn es hitzig wird, verändert den ganzen Raum.
Und wir führen uns selbst. Das ist die schwierigste Disziplin. Hier gibt es niemanden, an den man delegieren kann.
Drei Zustände, ein Weg
In meiner Arbeit unterscheide ich drei Stufen.
Unbewusst: Wir reagieren, ohne es zu merken. Der Satz ist raus, bevor wir ihn gedacht haben.
Bewusst: Wir merken es, meistens hinterher. „Das war wieder zu laut.“ Das fühlt sich unangenehm an, ist aber ein großer Fortschritt.
Souverän: Wir merken es im Moment und haben eine Wahl. Wir atmen, verlangsamen, setzen uns auf die unterste Treppenstufe neben das Kind und sagen: „Ganz schön schwer heute, oder?“
Und erstaunlich oft zieht das Kind dann die Schuhe an. Nicht immer. Wir reden hier über Kinder, nicht über Wunder.
Ein kleiner Impuls für morgen früh
Probieren Sie es einmal aus. Wenn Sie das nächste Mal merken, dass Sie gleich „Jetzt mach doch endlich!“ sagen wollen, machen Sie drei Dinge:
Erstens: Füße spüren. Beide Füße auf dem Boden. Das holt das Nervensystem aus dem Kopf zurück in den Körper.
Zweitens: Ausatmen, länger als einatmen. Ein langer Ausatem ist das schnellste Signal an Ihr eigenes Nervensystem, dass keine Gefahr besteht.
Drittens: Auf Augenhöhe gehen. Wer sich zu einem Kind hinunterbeugt, wird für dessen Nervensystem vom Hindernis zum Verbündeten.
Das dauert zehn Sekunden. Es verändert nicht die Welt. Aber es verändert den Flur. Und manchmal den ganzen Tag.

Eine Einladung
Wer eine Kita, eine Schule, eine Praxis oder eine Einrichtung leitet, trägt doppelt: das eigene Nervensystem und das Klima im ganzen Haus. Kinder spüren, wie es den Erwachsenen geht. Teams spüren, wie es der Leitung geht.
Für den Einstieg, egal ob Sie leiten, erziehen, therapieren oder einfach morgens im Flur stehen, gibt es eine kostenfreie Arbeitsmappe zum Buch mit Selbstchecks zu Körper, Kontakt und Triggern:
drozikscharf.de/arbeitsmappe
Wenn Sie für Ihr Team einen Vortrag oder Workshop wünschen, schreiben Sie mir. Ich komme gern zu Ihnen, im ganzen DACH-Raum.
Und wer tiefer einsteigen möchte: In meiner Nervenstark Akademie lernen Führungskräfte Nervensouveränität®, auch die, die eine Kita, eine Schule oder eine Praxis leiten.
Denn eines habe ich in über dreißig Jahren gelernt, vom Sandkasten bis zur Führungsrunde: Verbindung entscheidet. In der Familie wie in der Führung.
Über die Autorin
Dr. Anja Ozik-Scharf ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Wirtschaftspsychologin, Mediatorin und Autorin. Sie leitet ein interdisziplinäres Praxisnetzwerk in Rostock, gründete 2010 das Institut für angewandtes Management Rostock und lehrt seit 2005 an der Universität Rostock. Ihr Buch „Nervensache Führung“ ist im Remote Verlag erschienen. Sie lebt zwischen Hamburg und Rostock und arbeitet im gesamten DACH-Raum.
nervenstark-akademie.de · drozikscharf.de

Bildquellen
Titelfoto: Nick Chen auf Unsplash
Bild mit Kopf und Emotionsanzeige: KI
Foto Füße auf dem Boden: Srinivas Reddy auf Unsplash
© Autorenfoto: Dr. Anja Ozik-Scharf
Dr. Anja Ozik-Scharf
Nervensache Führung
Warum moderne Manager psychologische Tiefe brauchen, um Wirksamkeit zu entfalten
ISBN: 9798894741529
Sprache: Deutsch
Seitenzahl: 274
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In „Nervensache Führung“ zeigt Dr. Anja Ozik-Scharf, wie modernes Leadership wirklich funktioniert. Sie verbindet 20 Jahre Erfahrung als Psychotherapeutin und Wirtschaftspsychologin mit den Neurowissenschaften und Tausenden realen Gesprächen aus Vorstandsetagen und Familienunternehmen. Sie lernen, emotionale Trigger zu entschärfen und echte Resilienz aufzubauen. Für eine spürbare Nervensouveränität® – und eine Führung, die nicht härter wird, sondern souveräner.
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