Netzwerke des Wegsehens

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4–5 Minuten

Von Cathrin Rieger


Wie Institutionen zu Komplizen wurden und warum der Kampf gegen sexualisierte Gewalt heute bei den Strukturen ansetzen muss

Als im Jahr 2010 die systematischen Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg und an der Odenwaldschule ans Licht kamen, erlebte die Bundesrepublik einen wahrlich moralischen Schock. Für Tausende pädagogische Fachkräfte markierte dieses Jahr eine biografische, professionelle Zäsur.Auch im kirchlichen Bildungsbereich begann damals ein schmerzhafter Prozess der Selbstbefragung und Selbstreflexion. Pädagogische Gewissheiten gerieten ins Wanken, vertraute Nähekonzepte wurden neu bewertet, Routinen kritisch überprüft.

Seither lässt sich kaum noch von derselben Pädagogik sprechen wie vor 2010. Traumasensibilität, Prävention, Schutzkonzepte und Risikoanalysen sind heute kein optionales Zusatzwissen mehr, kein „Nice to have“ – sie bilden den Kern professioneller Verantwortung.

Heute zeigt sich: Die eigentliche Erschütterung lag weniger in einzelnen Tätern als in den Strukturen, die Taten überhaupt erst ermöglichten, deckten oder bagatellisierten. Missbrauch entsteht nicht plötzlich im luftleeren Raum. Missbrauch und Gewalt gedeiht dort, wo Macht konzentriert, Kontrolle geschwächt und institutioneller Ruf höher bewertet wird als der Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Die neuere Forschung spricht deshalb zunehmend von „Unrechtsnetzwerken“. Gemeint sind nicht allein Tätergruppen, sondern auch jene Systeme aus Mitwissern, sog. Bystanders, Schweigenden und organisatorischen Abhängigkeiten, die Übergriffe über Jahre stabilisieren. Internationale Studien, etwa zu kirchlichen Missbrauchskomplexen in Australien oder zum Fall „Casa Pia“ in Portugal, belegen, dass sexualisierte Gewalt häufig durch informelle Beziehungen, Loyalitäten und institutionelle Schutzmechanismen abgesichert wird. Auch deutsche Aufarbeitungsstudien zum Kentler-Komplex, zu kirchlichen Einrichtungen oder zur Jugendhilfe zeigen: Wo Kontrolle fehlt und ideologische Gewissheiten dominieren, entstehen missbrauchsförderliche Milieus.

Die Mechanik des Wegsehens

Besonders folgenreich war in vielen Einrichtungen nicht allein die Tat einzelner Täter, sondern die soziale Dynamik ihres Umfelds. Einrichtungen wie das Berliner Canisius-Kolleg, das Aloisiuskolleg in Bonn, das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald oder die Benediktinerabtei Kloster Ettal standen exemplarisch für eine „Unkultur der Grenzverletzung“, in der Distanzlosigkeit, Machtmissbrauch, autoritäre Erziehung und emotionale Abhängigkeiten über Jahre normalisiert wurden. Körperliche Nähe, exklusive Beziehungen zwischen Erwachsenen und Schutzbefohlenen oder ritualisierte Formen der Einschüchterung galten vielerorts nicht als Warnsignal, sondern als Ausdruck besonderer pädagogischer Hingabe, spiritueller Autorität oder charakterbildender Strenge. Diese schleichende Verschiebung von Grenzen erzeugte jene Atmosphäre, in der wahrnehmbare Warnzeichen ihre Eindeutigkeit verloren. Missbrauch wurde dadurch nicht verhindert, sondern sozial entwirklicht: er passierte vor aller Augen und blieb dennoch unsichtbar.

Eine zentrale Rolle spielten dabei die sogenannten Bystander: Menschen, die ahnten, ein „komisches Bauchgefühl“ hatten, beobachteten oder irritiert waren, ohne einzugreifen; es wurde weggedrückt und geschwiegen. Verantwortungsdiffusion wurde so zum institutionellen Systemprinzip. Niemand fühlte sich allein zuständig, viele vertrauten auf Hierarchien, andere schwiegen aus Loyalität, Angst, Unsicherheit oder Karrierelogik. Aufarbeitungsberichte beschreiben immer wieder ein Klima subjektiver Unzuständigkeit, chaotischer Aktenführung und systematischer Abschottung. Im Fall des mehrfach verurteilten Priesters Theo Wehren etwa funktionierte über Jahrzehnte ein Schutzschirm aus Versetzungen, unübersichtlicher Aktendokumentation und institutioneller Duldung. Selbst nach strafrechtlichen Verurteilungen erhielt der Geistliche wieder Zugang zu Minderjährigen. Die Bürokratie diente hier nicht der Kontrolle, sondern der Verschleierung: Verstreute Personalakten, inoffizielle Nebenarchive und lückenhafte Dokumente machten eine Aufklärung unmöglich.

Systemische Risiken statt Einzelfalllogik

Zu den missbrauchsförderlichen Systemfaktoren zählen hierarchische Machtstrukturen ohne wirksame externe Kontrolle, Abhängigkeiten in Erziehungs- und Betreuungssystemen, mangelnde Transparenz, institutionelle Abschottung sowie eine Kultur des Wegsehens und eine Unkultur der Grenzverletzung. Hinzu kommen falsche Loyalitäten, die den Schutz der Organisation über den Schutz Betroffener stellen. Auch pseudowissenschaftliche Narrative haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, sexualisierte Gewalt zu relativieren oder pädokriminelles Verhalten als „emanzipatorisch“ umzudeuten.

Verstärkt wird dies heute durch digitale Räume: Das Internet dient Täternetzwerken als Kommunikations-, Rekrutierungs- und Verbreitungsraum. Analoge und digitale Tatstrukturen greifen längst ineinander. Digitale Kontakte fungieren dabei häufig als Anbahnungsraum (für sog. Grooming) späterer „Hands-on“-Taten. Plattformen, Chats, Web-Games und soziale Netzwerke erleichtern gezieltes Grooming, die Vernetzung von Tätern sowie die systematische Ausnutzung kindlicher Schutzbedürftigkeit.

Demgegenüber stehen missbrauchshinderliche Faktoren, die nachweislich präventiv wirken: unabhängige Kontrollinstanzen, verpflichtende Schutzkonzepte, transparente Meldewege, interdisziplinäre umfassende Forschung sowie eine konsequente Einbindung von Betroffenerperspektiven. Entscheidend ist zudem eine Kultur des Hinschauens. Prävention scheitert dort, wo Hinweise relativiert oder Betroffene vorschnell infrage gestellt werden. Wer sexualisierte Gewalt wirksam bekämpfen will, muss nicht nur Täter verfolgen, sondern auch die Bedingungen verändern, unter denen Täter geschützt werden.

Notwendige Konsequenzen

  • Verbindliche Kooperationen zwischen Justiz, Polizei, Jugendhilfe, Forschung und Präventionsstellen schaffen
  • Unabhängige Aufarbeitung gesetzlich absichern und dauerhaft finanzieren
  • Digitale Täternetzwerke stärker kriminalistisch und wissenschaftlich erfassen
  • Schutzkonzepte in Schulen, Kirchen, Vereinen und Heimen extern kontrollieren
  • Betroffenenberichte institutionell stärker gewichten und systematisch einbeziehen

Die zentrale Frage bleibt: Wie viele Hinweise braucht eine Gesellschaft noch, bis der Schutz von Kindern wichtiger wird als der Schutz von Institutionen?



Quellen:

Foto von https://unsplash.com/de/@d_mccullough

Foto von Feliphe Schiarolli auf Unsplash

Foto von Bakir Custovic auf Unsplash

Visualisierung mit KI erstellt (chatgpt.com)

Stephan Rixen / Ulrich Wastl: „Epstein, Kirchen, Odenwaldschule & Co.“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. März 2026

Thomas Großbölting: Die schuldigen Hirten. Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Herder Verlag, Freiburg 2022

https://beauftragte-missbrauch.de

https://www.jesuiten.org/unsere-arbeit/umgang-mit-sexualisierter-gewalt-praevention

https://taz.de/Missbrauchsbeauftragte-ueber-Praevention/!6022288

https://taz.de/Sexueller-Kindesmissbrauch/!6114586

https://www.deutschlandfunk.de/konzepte-gegen-sexualisierte-gewalt-an-schulen-interview-kerstin-claus-100.html


Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld Unterstützung benötigt:


Sexueller Missbrauch hat viele Formen: digital, emotional, körperlich. Niemand muss damit allein bleiben. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und auf Wunsch auch in Gebärdensprache. Auch Unsicherheiten und Zweifel können dort besprochen werden.

Telefon: 0800 22 55 530

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite





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