„Das passiert doch nicht bei uns!“ Prävention sexualisierter Gewalt als pädagogische Haltung

7–11 Minuten

Von Cathrin Rieger


In Vorbereitung auf einen Vortrag für pädagogische Fachkräfte in Kitas habe ich in den letzten Tagen noch einmal viele Materialien, Studien und Fallbeispiele gesichtet. Dabei ist mir ein Satz begegnet, den ich in Einrichtungen seit vielen Jahren immer wieder höre:

„Das passiert doch nicht bei uns!“

Der Satz ist verständlich. Niemand möchte sich vorstellen, dass in der eigenen Einrichtung Macht missbraucht oder Kindern Schaden zugefügt werden könnte. Gleichzeitig liegt genau darin eine der größten Schwierigkeiten überhaupt: Prävention beginnt nicht erst dort, wo etwas passiert ist. Sie beginnt viel früher: bei unserer Haltung und bei der Bereitschaft, auch das scheinbar Unvorstellbare mitzudenken.

Vielleicht hilft ein anderes Bild: Prävention ist keine Maßnahme, kein Projekt und kein einmaliger Fortbildungstag. Prävention ist eher vergleichbar mit einer Reise.

Eine Reise, auf der pädagogische Teams immer wieder neue Landschaften entdecken, alte Annahmen überprüfen und ihr Wissen erweitern. Wie auf jeder Reise gilt auch hier: Man ist unterwegs -und zwar immer.

Prävention ist kein Projekt – sondern ein Prozess

In vielen Einrichtungen wird Prävention vor allem organisatorisch gedacht: Es werden Schutzkonzepte geschrieben, Fortbildungen besucht, Leitfäden erstellt. Das ist alles wichtig, aber es reicht nicht.

Prävention entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie Teil der pädagogischen Haltung wird, wenn sie nicht mehr als lästiges Sonderthema wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Teil des Berufsverständnisses erfahrener Fachkräfte. Das bedeutet auch: den eigenen Arbeitsalltag immer wieder mit einer „Präventionsbrille“ zu betrachten.

Das bedeutet: über Macht und Verantwortung sprechen, Unsicherheiten zulassen, Wissen über Täterstrategien ernst nehmen und Räume schaffen, in denen Kinder, Eltern und Fachkräfte Informationen erhalten.

Oder anders gesagt: Prävention lebt davon, dass ein Thema sichtbar bleibt, auch im Außen: im Schaukasten, am Eingang, im Flur, etc.

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Kerstin Claus, hat es in einem TAZ-Interview einmal treffend formuliert: „Jeder Raum, der nicht mit Informationen bespielt wird, ist ein Raum, den wir Täter*innen überlassen.“1

Ein Satz, der hängen bleibt.

Damit meint sie konkret: Wo keine Informationen hängen, keine Ansprechpersonen benannt sind und keine Beratungsangebote sichtbar sind, entsteht Schweigen – und Schweigen schützt nicht Kinder, sondern Täter. Für Fachkräfte in der Kita bedeutet das ganz konkret: Ein Aushang mit Beratungsstellenkontakten, ein Hinweis auf die Möglichkeit, sich zu melden: das sind keine Kleinigkeiten, das ist bereits Prävention.

Mensch, Macht und Abhängigkeit

Wer sexualisierte Gewalt verstehen möchte, muss über Macht sprechen. In pädagogischen Einrichtungen sind Macht und Abhängigkeit unvermeidlich. Erwachsene entscheiden über Regeln, Räume, Nähe, Zeit, Tätigkeiten und Aufmerksamkeit. Bei alldem sind Kinder auf Schutz, Orientierung und Beziehung angewiesen. Diese Mischung aus Mensch, Macht und Abhängigkeit ist notwendig, aber gleichzeitig auch riskant.

Anke Elisabeth Ballmann hat in ihrem Buch Seelenprügel eindringlich beschrieben, wie Macht in Kitas täglich wirkt: oft unreflektiert, oft ohne böse Absicht. Genau diese Strukturen sind es , die bewusst agierenden Tätern Räume öffnen.

Ein wichtiger Satz aus meiner Präventionsarbeit gilt hier unverändert:

Wenn man verstanden hat, dass es bei sexualisierter Gewalt immer auch um Macht geht, hat man bereits viel verstanden. Es geht immer um größere gegenüber kleineren, stärkere gegenüber schwächeren Positionen.

Daraus folgt eine unbequeme, aber notwendige Prämisse: Keine Einrichtung ist per se eine „Täterinstitution“, aber jede Einrichtung kann nie vollständig davor gefeit sein, Täterverhalten zu ermöglichen oder zu begünstigen. Diese Einsicht soll nicht lähmen oder Angst verbreiten. Vielmehr ist sie der Ausgangspunkt für Verantwortung.

Wenn Organisationen zunächst nicht glauben wollen

Ein weiterer Aspekt spielt eine große Rolle: der sogenannte Abwehreffekt in Organisationen.

Wenn ein Verdacht auftaucht, reagieren viele Einrichtungen zunächst mit Unglauben: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ „Der Kollege ist doch so engagiert.“ „Die Kollegin arbeitet schon so lange hier.“

Das hat weniger mit Gleichgültigkeit zu tun als mit Schutzmechanismen. Der Gedanke, dass ein vertrauter Mensch Kindern schaden könnte, ist schwer auszuhalten. Doch genau diese Dynamik nutzen Täter und Täterinnen: sie wissen, dass Organisationen oft lange brauchen, um etwas wirklich wahrhaben zu wollen.

Es lohnt sich daher, die eigenen Reflexe zu kennen, bevor sie wirken. Wer sich dem Schock und dem Schmerz stellt, die solche Erkenntnisse auslösen – gegenüber der eigenen Einrichtung oder Menschen, denen man vertraut hat –, wird seltener wegsehen oder weghören.

Ein bekanntes Beispiel ist der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, bei dem jahrelang konkrte Hinweise ignoriert wurden. Solche Fälle zeigen: Schweigen und Wegsehen entstehen selten aus böser Absicht, aber die Folgen sind enorm.

„Wir glauben Euch“ – eine Haltung, keine Formel

Was hilft stattdessen? Eine Haltung, die durch die Aufdeckungen der Missbrauchsskandale 2010 am Canisius-Kolleg und zeitgleich an der Odenwaldschule als „kopernikanische Wende“ beschrieben worden ist: nicht mehr zuerst auf die Institution schauen, sondern auf das Leid der Betroffenen.

Es geht darum, wirklich zuzuhören. Zunächst einmal sollte man glauben, was erzählt wird.

„Wir glauben Euch“ – das klingt einfach. Allerdings ist es das nicht, denn es verlangt, die eigene Vorstellungskraft aktiv und manchmal schmerzhaft zu erweitern. Zudem bedeutet es, Idealisierungen aufzugeben: von der eigenen Einrichtung, von Kolleginnen und Kollegen sowie von sich selbst.

Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das konkret: Wenn ein Kind etwas erzählt, eine Fachkraft etwas beobachtet oder eine Ahnung bzw. ein „komisches Bauchgefühl“ entsteht, dann beginnt Verantwortung nicht mit dem Beweis, sondern mit dem Zuhören – auch dem „komischen Bauchgefühl“.

Täterstrategien und „Graugeständnisse“

Täter und Täterinnen agieren selten offen. Sie arbeiten mit Strategien, die Vertrauen aufbauen und Grenzen langsam verschieben: besondere Aufmerksamkeit für einzelne Kinder, das Schaffen exklusiver Situationen, das Gewinnen von Vertrauen im Team, schrittweise Normalisierungsprozesse.

Manchmal kommt es später zu sogenannten Graugeständnissen -Teilgeständnissen, die Verantwortung relativieren. Man gibt nur soviel zu, wie möglich bzw. notwendig.Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Fall Jeffrey Epstein , in dem alle Beteiligten lediglich so viel offenlegen, wie unbedingt notwendig – und auch erst unter öffentlichem Druck.

Nicht die Affären selbst sind hier das Thema, sondern die Strategie, Verantwortung in kleinen Dosen zu dosieren.

Solche Strategien zeigen, wie komplex die Aufarbeitung von Machtmissbrauch ist und wie schwer es Menschen fällt, Verantwortung klar zu benennen. Und sie erinnern uns daran: Verantwortungsübernahme ist keine PR-Übung, wie häufig von Einrichtungen und Täter*innen gehandhabt. Sie ist vielmehr eine Haltungsfrage.

Wissen schützt – auch im Alltag der Kita

Für pädagogische Fachkräfte stellt sich die Frage: Was hilft konkret? Neben fachlichem Wissen sind vor allem drei Dinge wichtig.

Information sichtbar machen: Aushänge, Flyer und Hinweise auf Beratungsstellen im Schaukasten oder Eingangsbereich sind mehr als Formalitäten. Sie senden ein klares Signal: Dieses Thema darf hier angesprochen werden: Wir sind sprachfähig und ansprechbar für diese Themen.

Materialien für Kinder: Kinder profitieren von altersgerechten Materialien, die ihnen helfen, über Gefühle, Grenzen und Körperwissen zu sprechen. Geschichten, Bilderbücher, Gesprächsanlässe -das kann viel bewirken und unterstützt, Sprachfähigkeit zu entwickeln

Selbstfürsorge der Fachkräfte: Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt ist emotional anspruchsvoll. Teams brauchen Räume für Austausch, Reflexion, Supervision und Entlastung. Handlungsfähigkeit entsteht nicht nur durch Wissen, sondern auch durch Unterstützung, Austausch sowie kollegiale Reflexion.

Dazu gehört auch, regelmäßig Interventionsschulungen durchzuführen, in denen anhand konkreter Fallsituationen geübt, reflektiert und miteinander gesprochen wird.Das Wissen, wie man im Ernstfall handelt, entsteht nicht im Kopf allein, sondern entsteht im gemeinsamen Tun und konkreten Formulieren und im Gespräch.

„Wir haben doch schon alles getan“

Eine besondere Gefahr lauert, wenn Einrichtungen das Gefühl haben, das Thema sei nun organisiert, wenn Schutzkonzepte vorliegen, Fortbildungen absolviert wurden, Meldewege existieren: dann kann sich still und heimlich ein trügerisches Sicherheitsgefühl einschleichen.

Aus der Präventionsarbeit anderer Organisationen ist dieser Hemmschuh bekannt: Man wird des Themas müde, verlässt sich zu sehr auf Regularien und vernachlässigt kreative Bewusstseinsbildung. Dabei besteht die Gefahr, dass Bereiche übersehen werden, die von bestehenden Schutzmaßnahmen nicht abgedeckt werden.

Dies zeigt: Prävention bedeutet nicht, irgendwann anzukommen. Sie bedeutet, wachsam zu bleiben – auch und gerade dann, wenn vieles gut läuft.

Unterwegs bleiben – und Verantwortung tragen

Prävention ist eine Reise: Eine Reise, auf der Teams immer wieder neue Fragen stellen:

Wo entstehen Machtgefälle? Welche Strukturen schützen Kinder wirklich? Wie können wir Informationen zugänglich machen? Wer ist in unserer Einrichtung (intern und extern) derjenige oder diejenige, die genau hinschaut – und das auch sagen darf? Wo können wir uns von außen auch Hilfe und Unterstützung holen? Wie sind die konkreten Melde- und Verfahrenswege?

Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, alles alleine zu tragen. Es heißt, nicht wegzuschauen. Es heißt, bei unklaren Situationen nicht auf den anderen zu warten. Und es heißt, als erfahrene Fachkraft die eigene Haltung immer wieder zu befragen – gerade weil man schon so viel weiß und so lange dabei ist.

Wer sich auf diese Reise begibt, wird wahrscheinlich nie an einen endgültigen Zielpunkt gelangen.

Vielleicht ist genau das der Kern von Prävention:

nicht zu glauben, man sei bereits angekommen, sondern aufmerksam und achtsam unterwegs zu bleiben, Verantwortung nicht zu delegieren, sondern zu tragen.



Quellen:

Titelbild: Jan Huber

1 https://taz.de/Missbrauchsbeauftragte-ueber-Praevention/!6022288

https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/ministerium/behoerden-beauftragte-beiraete-gremien/unabhaengige-beauftragte/unabhaengige-bundesbeauftragte-gegen-sexuellen-missbrauch-von-kindern-und-jugendlichen-86324n

Zum Weiterlesen und Vertiefen:

  • Ballmann, Anke Elisabeth: Seelenprügel. Was wir Kindern in Kitas zumuten und wie wir das ändern können. Kösel, 2019.
  • Enders, Ursula: Zart war ich, bitter war’s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. Kiepenheuer & Witsch, 2012
  • Bange, Dirk / Körner, Wilhelm (Hg.): Handwörterbuch Sexueller Missbrauch. Hogrefe, 2002.

Schutzkonzepte und Praxis

  • Fegert, Jörg M. / Wolff, Mechthild (Hg.): Kompendium „Sexueller Missbrauch in Kindheit und Jugend“. Beltz Juventa, 2015.
  • Wolff, Mechthild / Schröer, Wolfgang / Fegert, Jörg M.: Schutzkonzepte in Theorie und Praxis. Beltz Juventa, 2017.

Für den Kita-Alltag:

  • Kröger, Michael: Kinderschutz: Sexualerziehung in der Kita. Basiswissen, Fallbeispiele, Reflexionsfragen und Checklisten für Team- und Elternarbeit. Don Bosco, 2023. – Ein Praxisbuch mit konkreten Anleitungen zu Körperbewusstsein, Grenzverletzungen und Schutzkonzepten – inklusive 75 Bildkarten für die Teamreflexion und Elternarbeit. – Link: Hier gehts zum Kartenset beim Don Bosco Verlag
  • Maywald, Jörg/ Ballmann, Anke Elisabeth: Kinderschutz: Gewaltfreie Pädagogik in der Kita. Don Bosco. – Zur alltaglichen Macht in pädagogischen Settings und wie eine haltungsbasierte, gewaltfreie Praxis gelingen kann. Link: Hier gehts zum Don Bosco Verlag
  • Ist das okay? Ein Kinderfachbuch zur Prävention von sexualisierter Gewalt. Mabuse Verlag, Link: Hier gehts zum Buch

Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld Unterstützung benötigt:


Sexueller Missbrauch hat viele Formen: digital, emotional, körperlich. Niemand muss damit allein bleiben. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und auf Wunsch auch in Gebärdensprache. Auch Unsicherheiten und Zweifel können dort besprochen werden.

Telefon: 0800 22 55 530

https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite





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