Kinderschutz beginnt unter der Oberfläche

6–9 Minuten
Nebel - Cathrin Rieger

Von Cathrin Rieger

Vier Reflexionsfragen zur Prävention sexualisierter Gewalt in pädagogischen Einrichtungen

Vor einigen Tagen habe ich einen Vortrag mit dem Titel „Das passiert doch nicht bei uns!“ – Wo sexualisierte Gewalt beginnt: Ein Blick auf Kinder und die Systeme, die sie prägen im Rahmen von Dr. Anke Elisabeth Ballmanns Jahresbegleitung gehalten.

Um die systemischen Faktoren sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen, habe ich mit den Teilnehmenden ein Bild genutzt, das mich in meiner Präventionsarbeit schon lange begleitet: den Tauchgang.

Sexualisierte Gewalt zeigt sich selten dort, wo wir hinschauen, im sichtbaren Bereich. Nein, vieles bleibt vorerst unsichtbar, im Geheimen, verborgen unter der Oberfläche.

Genau darum geht es beim Tauchgang: um den Blick unter die Oberfläche: zu Strukturen, Dynamiken, Haltungen, Mustern und blinden Flecken.

Der Tauchgang lädt dazu ein, den Blick unter die Oberfläche zu richten: auf Unsicherheit, Schweigen, sekundäre Betroffenheit, Scham und Macht als systemische Dynamiken sexualisierter Gewalt (rechte Seite). Zudem zeigt er, welche Schutzfaktoren Fachkräfte und Einrichtungen stärken, um handlungsfähig zu bleiben und Kinderschutz wirksam präventiv zu gestalten (linke Seite).

Das Bild, mit dem ich in meiner Präventionsarbeit arbeite: der Tauchgang.

In der Präventionsarbeit begegnet mir immer wieder ein ähnliches Muster: Fachkräfte verfügen häufig bereits über umfangreiche Kenntnisse, haben sich mit Schutzkonzepten beschäftigt und setzen sich fachlich mit dem Thema auseinander.

Dennoch bleiben oft Fragen offen, die tiefer gehen und somit die missbrauchsfördernden Muster in den Fokus rücken:

  • Wie sicher fühle ich mich wirklich im Umgang mit dem Thema?
  • Welche Haltung bringe ich selbst mit?
  • Wie sprechen wir in unserer Einrichtung über Nähe, Distanz, Grenzen, Macht und Sexualität?
  • Wo gibt es bereits tragfähige Strukturen und wo existieren vielleicht noch blinde Flecken?

Aus meiner Sicht umfasst ganzheitliche Prävention zwei Bereiche. Den kritischen Blick auf institutionelle Strukturen: auf Kommunikations- und Verfahrenswege, Machtverhältnisse, Räume und die Kultur, die Kinder und Mitarbeitende in einer Einrichtung täglich erleben sowie die ehrliche Bereitschaft, auch auf sich selbst zu schauen, auf eigene Haltungen, Sprache, Routinen und Muster.

Die folgenden vier Reflexionsbereiche erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder als besonders wirksam. Sie können Impulse geben für die eigene Reflexion, für Teamsitzungen, Supervision oder gemeinsame Team- und Konzepttage. Hier auch noch ein Übersichtsbild zur Reflexion: Systemische Dynamiken und Schutzfaktoren in der Prävention sexualisierter Gewalt.

Übersicht: Systemische Dynamiken und Schutzfaktoren in der Prävention sexualisierter Gewalt.

1. Unsicherheit als Kompass

Wenn ich Fachkräfte frage, was sie beim Thema sexualisierte Gewalt besonders beschäftigt, höre ich häufig Sätze wie:

„Ich weiß nicht, wieviel Nähe in meiner Pädagogik überhaupt noch zulässig ist? Darf ich ein Kind tröstend in den Arm nehmen?“
„Ich habe Angst, falsch zu reagieren.“
„Was, wenn ich überinterpretiere?“

Diese Unsicherheit ist nicht automatisch ein Problem; ganz im Gegenteil: Unsicherheit kann ein wichtiger Kompass sein, wenn wir sie nicht vorschnell wegdrücken oder überspielen.

Unsicherheit zeigt oft sehr präzise, wo Klärung, Wissen, Haltung oder Austausch noch fehlen.

Fragen zur Reflexion:

  • Welche Unsicherheit begleitet mich beim Thema sexualisierte Gewalt?
  • Was möchte mir diese Unsicherheit sagen?
  • Welche Werte, Prägungen oder Tabus bringe ich selbst in Bezug auf Sexualität mit?

2. Ein ehrlicher Blick auf Macht

Man hat viel über sexualisierte Gewalt verstanden, wenn man weiß, dass sexualisierte Gewalt immer auch mit Machtmissbrauch zu tun hat.

Klar, in pädagogischen Settings ist Macht unvermeidbar: Erwachsene strukturieren, bewerten, entscheiden überwiegend, regulieren und begleiten. Das ist ja Teil professioneller Verantwortung.

Problematisch wird Macht nicht dadurch, dass sie existiert, sondern dann, wenn sie unreflektiert bleibt und nicht begrenzt bzw. kontrolliert wird.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie erlebe ich meine eigene professionelle Macht?
  • Wo erleben Kinder in unserer Einrichtung Abhängigkeit, Hierarchie oder fehlende Wahlmöglichkeiten?
  • Wo können Kinder wirklich mitentscheiden und wo nicht?

Ein weiterer Blick lohnt sich auf die institutionelle Ebene:

Wenn ein Kind in deiner Einrichtung zu einer Situation oder zu einer erwachsenen Person „Nein“ sagen wollte, welche realen Möglichkeiten hätte es?

Und wie viel Handlungsspielraum hast du selbst?

3. Eltern und der soziale Nahraum mitdenken

Ganzheitliche Prävention endet aus systemischer Sicht nicht an der Tür der Einrichtung, sondern nimmt auch andere Systembeteiligte in den Blick:

Täterinnen und Täter kommen häufig aus dem sozialen Nahraum von Kindern: aus Familien, Verwandtschaftssystemen oder dem direkten Umfeld (z.B. Sporttrainer*innen, Chorleiter*innen, Nachbarn, Musiklehrer*innen, etc.)

Das ist schwer auszuhalten sowie schwer vorstellbar und gleichzeitig ein wirklich wichtiger und zentaler Punkt für fachliche Prävention sexualisierter Gewalt.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie werden Eltern in unserer Einrichtung in Prävention einbezogen?
  • Ist das Thema im Schutzkonzept sichtbar mitgedacht?
  • Wie sprechen wir über Risiken im sozialen Nahraum, ohne in Verharmlosung oder Dramatisierung zu geraten?

Prävention braucht auch hier einen realistischen Blick.

4. Handlungsfähigkeit und nächste Schritte

Zahlreiche Fachkräfte verfügen über enormes Fachwissen und fühlen sich dennoch im entscheidenden Moment nicht handlungssicher.

Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein Hinweis darauf, wo noch Klarheit fehlt, denn Wissen und Handeln sind nicht dasselbe.

Aus meiner Erfahrung sind Präventionsschulungen deshalb ein wichtiger und unerlässlicher Baustein, allerdings nicht der einzige: Ergänzend braucht es regelmäßige Interventionsschulungen, in denen Pädagoginnen und Pädagogen konkrete Handlungssicherheit entwickeln können. Intervenieren lässt sich nicht rein theoretisch erlernen, sondern es braucht geschützte und begleitete Übungsräume – am Besten mit externer Begleitung.

Kleine, vertrauensvolle Settings, kollegiale Beratung und die gemeinsame Arbeit an konkreten Fallbeispielen sind hier besonders wertvoll und hilfreich, um langfristig handlungssicher zu werden und tatsächlich sichere Orte für Kinder und Jugendliche zu schaffen.

Es braucht Möglichkeiten, Handlungsoptionen, Abläufe und konkrete Sätze nicht nur zu reflektieren, sondern auch praktisch zu erproben:

Wer braucht in einer konkreten Situation was?
Was ist jetzt fachlich sinnvoll?
Wer übernimmt welche Rolle?
Und wie formuliere ich das eigentlich ganz konkret?

In der Verbindung aus Reflexion, Austausch und praktischer Übung kann schrittweise mehr Handlungssicherheit entstehen.

Fragen zur Reflexion:

  • Wie sicher fühle ich mich, wenn ein Kind mir morgen etwas anvertraut?
  • Kenne ich interne und externe Melde- und Verfahrenswege?
  • Weiß ich, an wen ich mich wenden kann?

Auch die Einrichtung selbst sollte in den Blick genommen werden:

  • Was ist bereits gut verankert?
  • Wo bestehen noch Lücken?
  • Welche nächsten Schritte sind realistisch?

Und ganz konkret:

Wo möchtest du in den kommenden 30 Tagen genauer hinschauen?

Raum für ehrliche Fragen

Dieser Reflexionsbogen ist kein Test, auch keine Prüfung oder eine Checkliste zum schnellen Abhaken, sondern eine Einladung, innezuhalten, gedanklich auf die „Balkonebene“ zu gehen und ehrlich hinzuschauen:

  • Auf sich selbst
  • Auf das Team
  • Auf die eigene Einrichtung
  • Auf die Verhältnisse und das Umfeld

Es geht dabei nicht um eine vollständig schlüssige Antwort, sondern darum, Orientierung zu bekommen und einen Austauschprozess anzustoßen:

  • Wo stehen wir gerade?
  • Was trägt bereits?
  • Wo lohnt es sich, genauer hinzuschauen?

Prävention ist eine Reise, keine einmalige Maßnahme und kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein stetiger Prozess: ein Unterwegs-Sein, das nie wirklich endet.

Dabei geht es – um auf das Bootbild zurück zu kommen – manchmal ruhig zu, manchmal sehr herausfordernd, manchmal bekommt man auch Gegenwind. Immer wieder rückt dabei die Frage in den Fokus: was brauchen Kinder in unseren Einrichtungen, um sicher zu sein.

Ein wirksamer, ganzheitlicher und professioneller Kinderschutz beginnt genau dort: in der ehrlichen Bereitschaft, den Anker auszuwerfen, unter die Oberfläche zu schauen, die eigenen Strukturen zu betrachten und sich auch den Themen zuzuwenden, die nicht sofort sichtbar sind.


Du möchtest diese Reflexion vertiefen – im Team, in deiner Einrichtung oder für dich selbst?

Ich begleite pädagogische Fachkräfte, Schulen, Teams und Organisationen bei genau diesem Prozess. Je nachdem, wo ihr gerade steht, biete ich an:

Interventionen üben – In geschützten, begleiteten Settings konkrete Handlungssicherheit entwickeln: Was sage ich? Wer übernimmt welche Rolle? Wie reagiere ich im Ernstfall? Kollegiale Fallberatung.

Präventionsschulungen – Fachliches Wissen und Haltung verbinden. Ich biete sowohl Basisschulungen, wie auch Aufbauschulungen an.

Schutzkonzept-(Weiter-) Entwicklung und Risikoanalyse – Gemeinsam schauen, was bereits trägt und wo noch Lücken sind. Strukturiert, praxisnah, auf eure Einrichtung zugeschnitten. Ich weiß, wo die Stolpersteine liegen und habe meine Tools (auch digital) für eine umfassende Risikoanalyse.

Einen ersten Risikoanalyse-Selbsttest findest du hier: Risikoanalyse-Selbsttest

Supervision und Systemisches Coaching – Für Fachkräfte, Lehrer*innen und Leitungen, die Raum brauchen: zum Nachdenken, Sortieren und Weiterentwickeln.

Alle Angebote sind in Präsenz oder online möglich.

Interesse oder Fragen? Ich freue mich auf ein erstes, unverbindliches Gespräch. → www.perspektivwechselcathrinrieger.de


Dieser Beitrag entstand im Nachgang meines Vortrags „Das passiert doch nicht bei uns!“ – Wo sexualisierte Gewalt beginnt: Ein Blick auf Kinder und die Systeme, die sie prägen im Rahmen einer Fachveranstaltung mit Dr. Anke Elisabeth Ballmann.





Entdecke mehr von Perspektivwechsel – Das Magazin

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Perspektivwechsel - Das Magazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen