Der Schal um die Schultern – Über Catcalling, Kulturwandel und die Frage, wer unsere Wahrnehmung deuten darf

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6–10 Minuten

Von Cathrin Rieger


Die Macht der Deutung

Eine junge Frau geht durch eine Gasse in Florenz. Um sie herum stehen Männer, die sie mustern, ihr hinterherrufen, sich zu ihr hinwenden. Ihr Blick richtet sich nach vorn, der Gang ist zügig, die Arme liegen eng am Körper. Um ihre Schultern liegt ein Schal, den sie mit einer Hand fest vor der Brust zusammenhält.

Das bekannte schwarz-weiß- Foto lässt sich beim Ruth Orkin Photo Archive ansehen: Link zur Geschichte des Fotos.

Dieses Foto, „American Girl in Italy“ von Ruth Orkin, entstand 1951. In diesem Sommer wird es 75 Jahre alt. Ich habe das Gesicht der jungen Frau lange betrachtet, bevor ich den dazugehörigen Zeitungsartikel in der Rheinpfalz zu Ende las. Der Rheinpfalz-Autor des Artikels deutet die Szene als Ausdruck mediterraner Lebensfreude und als Symbol weiblichen Selbstbewusstseins, das heute fälschlicherweise als Beleg männlicher Belästigung umgedeutet werde. Anlass des Rheinpfalz-Beitrags war die derzeitige Debatte über eine mögliche Strafbarkeit von Catcalling. Ich habe daraufhin einen Leserinnenbrief verfasst, weil mich die Lektüre überaus verärgert, ja sogar verstört hat. Diese unterschiedlichen Sichtweisen und den damit verbundenen Kulturwandel möchte ich näher betrachten.

Die Geschichte des Fotos ist komplex: Ruth Orkin und die damals junge Amerikanerin Ninalee Craig, die später als Jinx Allen bekannt wurde, hatten sich in Florenz kennengelernt und über ihre Erfahrungen als allein reisende Frauen gesprochen. Das Foto entstand als Teil einer gemeinsamen Serie über das Reisen ohne Begleitung. Was Ninalee Craig in genau diesem Moment empfand, wissen wir nicht. Ebenso wenig lässt sich das Gegenteil aus dem Bild herauslesen: dass die Aufmerksamkeit der Männer für sie schmeichelhaft oder gar Ausdruck mediterraner Lebensfreude gewesen sei.

In meiner Arbeit als systemischer Coach und Supervisorin richte ich seit Jahren meinen Fokus auf das, was potenziell zwischen den Zeilen steht und auch auf das, was sich an der Körpersprache ablesen lässt: angehobene Schultern, flacher Atem, Hände auf der Suche nach Halt. Ein Schal, der als vermeintliches Schutzschild dient, der doch eigentlich nichts anderes kann, als wärmen oder verdecken.Was die junge Frau in diesem Augenblick empfand, lässt sich aus einer Fotografie nicht sicher ableiten. Ihre geschlossene Körperhaltung, der zügige Schritt und der fixierte Blick lassen zumindest die Möglichkeit zu, dass sie sich durch diese Situation möglichst unbehelligt hindurchbewegen wollte.

Es geht mir nicht darum, der Frau auf dem Foto nachträglich Angst zu unterstellen oder ihre Wahrnehmung durch eine fremde Interpretation zu ersetzen. Wir können bedrängende, unangenehme Momente souverän meistern und uns zeitgleich davor schützen. Der Körper kann dabei Schutz suchen: durch Abstand, Tempo, eine geschlossene Haltung, Vermeidung von Blickkontakt sowie dem Versuch, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Bewältigt jemand eine derartige Situation gut, heißt das nicht, dass sie harmlos oder gar frei von Belastung war.

Der Alltag der kleinen Anpassungen

Ein spannendes Thema, dessen Debatte weit über dieses einzelne Foto, das in zahlreichen italienischen Cafés hängt, hinaus reicht; sie berührt ein häufiges Muster: Die repräsentative Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ aus dem Jahr 2004 ergab, dass 58 Prozent der befragten Frauen unterschiedliche Formen sexueller Belästigung erlebt hatten. Die Untersuchung befragte mehr als 10.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren zu ihren Gewalterfahrungen in verschiedenen Lebensphasen.

Solche Studien erfassen jedoch selten die innere Beklemmung und die Vorgänge, die lange vor dem eigentlichen Vorfall stattfinden: den Wechsel der Straßenseite, den Schlüsselbund in der Faust, das Handy in der Hand, das bewusste Verzichten auf Kopfhörer oder die Wahl der Route anhand der Straßenbeleuchtung. Diese Abläufe sind mittlerweile für zahlreiche Frauen so selbstverständlich, dass kaum noch auffällt, wie viel Aufmerksamkeit sie kosten. Jede Frau kennt beispielsweise das beängstigende Gefühl von schnell nahenden Schritten von hinten, wenn man nachts allein unterwegs ist.

Es handelt sich um unsichtbares Schutzverhalten: kleine Anpassungen, mit denen Frauen ihren Alltag an mögliche Grenzverletzungen anpassen.

Der Schal auf Orkins Foto lässt sich als eine solche Anpassung lesen. Er ist kein Beweis für das emotionale Erleben der jungen Frau. Wohl aber steht er stellvertretend für eine Frage, die bis heute aktuell bleibt: Wie viel Aufmerksamkeit verwenden Frauen täglich darauf, sich im öffentlichen Raum möglichst sicher zu bewegen?

Ein Pfiff ist selten nur ein Pfiff

Der Sozialpsychologe Gerd Bohner hat sich intensiv mit Vergewaltigungsmythen beschäftigt, also mit Überzeugungen, die sexuelle Übergriffe verharmlosen, Täter entlasten oder Betroffenen gar eine Mitschuld geben. Verharmlosung funktioniert dabei sehr subtil: Das Verhalten wird zum Spaß erklärt, der betroffenen Person Überempfindlichkeit unterstellt oder die Kritik daran als Ausdruck übertriebener Sensibilität abgetan.

Hier lohnt sich der Blick auf das scheinbar harmlose Detail: Catcalling und körperliche Gewalt sind unterschiedliche Formen von Grenzverletzungen. Beide Phänomene berühren allerdings dieselbe Kernfrage: Wird die Grenze einer anderen Person wahrgenommen und respektiert?

Wer verbale Grenzverletzungen grundsätzlich als harmlos abtut, trägt letztlich dazu bei, dass diese Frage gar nicht erst gestellt wird und ebnet womöglich den Weg für weitere Übergriffe.

Aus der Missbrauchsforschung wissen wir längst: Wo eine (Un-)Kultur entsteht, die Grenzverletzungen ignoriert oder bagatellisiert, wird der Nährboden für spätere Taten bereitet.

Wo Gesetze an ihre Grenzen stoßen

Die rechtlichen Bedenken gegen eine Ausweitung des Strafrechts auf Catcalling verdienen eine sachliche Betrachtung. Die Abgrenzung zwischen einer Taktlosigkeit und einer deutlichen Grenzverletzung bleibt im Detail schwierig, während das Strafrecht Präzision verlangt. Deshalb ist es sinnvoll, über Tatbestände, Voraussetzungen und realistische Grenzen einer Regelung zu diskutieren. Die Bundesregierung prüft derzeit, inwieweit der strafrechtliche Schutz vor gezielten, offensichtlich unerwünschten und erheblichen verbalen sowie nicht-körperlichen sexuellen Belästigungen erweitert werden kann. Ein entsprechendes Vorhaben ist im Koalitionsvertrag festgehalten.

Dabei stellen sich ganz praktische und juristische Fragen: Wie lässt sich eine solche Grenzverletzung rechtssicher nachweisen und welche Beweislage wäre dafür erforderlich? Was kann unsere Justiz unter den bestehenden Bedingungen überhaupt tatsächlich leisten? Der akute Personalmangel bei Gerichten und Staatsanwaltschaften führt dazu, dass bundesweit dringend Tatverdächtige, auch wegen schwerster Verbrechen, aus der Untersuchungshaft entlassen werden müssen.1

Welche Formen von Belästigung erfasst das geltende Recht bereits und was brauchen Polizei, Staatsanwaltschaften sowie Gerichte, um diesen Rahmen wirksamer auszuschöpfen?

Das sind berechtigte Einwände, die in eine ernsthafte Debatte über eine gesetzliche Neuregelung mitgedacht und geklärt werden müssen.

Rechtsunsicherheiten an den Rändern erfordern juristischen Feinschliff, rechtfertigen aber nicht, das Schutzanliegen aufzugeben. Aufschlussreicher als die Paragrafen ist ohnehin die kulturelle Debatte: Was passiert, wenn Frauen selbst benennen, was sie als übergriffig erleben und diese Wahrnehmung nicht mehr von außen korrigieren lassen?

Erziehung zur Stärke sieht anders aus

In der Präventionsarbeit begegnet mir regelmäßig die nett gemeinte Erwartung, echte Stärke zeige sich im gelassenen, humorvollen Kontern, als bestünde Resilienz im teflonartigen Ertragen von Übergriffen. Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Teams an Schutzkonzepten zeigt jedoch das Gegenteil: Resilienz wächst nicht dadurch, dass man Grenzverletzungen weglächelt; nein, sie entsteht vielmehr, wenn Menschen der eigenen Wahrnehmung vertrauen dürfen und ihr Umfeld bei Grenzüberschreitungen verlässlich Haltung zeigt.

Wenn sich die Umgebung verändert, müssen Betroffene weniger Energie darauf verwenden, sich selbst an unsichere Situationen anzupassen. Darin liegt ein wesentlicher Kulturwandel: Eine Generation, die den Wert eines Hinterherpfeifens hinterfragt, stellt Männer nicht unter Generalverdacht. Sie wendet keine Schuldumkehr an und sie bewertet die Handlung selbst, anstatt die Verantwortung bei der adressierten Person zu suchen.

Was von dem Foto bleibt

Schauen wir uns nochmal das Bild an (hier finden Sie das Bild): Schal, Schultern, fester Blick… Das Foto verlangt keine Entscheidung zwischen dem Nachweis weiblicher Freiheit und dem Dokument männlicher Bedrängung. Es zeigt eine Frau, die alleine ihren Weg durch eine Gruppe von Männern geht. Mehr wissen wir über diesen Moment nicht. Und doch bleibt es ein, wie ich finde, inspirierendes Dokument: erst recht, wenn wir es mit unserem heutigen Wissen über Schutz und Selbstbehauptung betrachten.

Hier liegt für mich die eigentliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, die Möglichkeit einer Grenzverletzung ernst zu nehmen, ohne der Frau zugleich ihre Selbstbestimmung abzusprechen? Warum müssen Frauen auch 75 Jahre später Strategien entwickeln, um sich sicher durch den öffentlichen Raum zu bewegen? Und warum ruft der Wunsch nach Veränderung noch immer mehr Widerstand hervor als die alltäglichen Grenzverletzungen selbst?


Zum Foto und zur Serie „American Girl in Italy“

Ruth Orkin Photo Archive – American Girl in Italy, Florence 1951

Hinweis zur Bildnutzung: Das Ruth Orkin Photo Archive weist ausdrücklich darauf hin, dass die Fotografien urheberrechtlich geschützt sind und jede Nutzung vorab mit dem Archiv geklärt werden muss. Die Verlinkung führt zur offiziellen Archivseite und ist keine Freigabe zur Reproduktion des Fotos.



Bildquellen:

Lerone Pieters auf Unsplash

Filip Mroz auf Unsplash

Markus Spiske auf Unsplash

Colin Lloyd auf Unsplash


Quellen und Literatur

Hartschuh, A. (2026). „Ciao, Bella!“. Die Rheinpfalz, 17. August 2026.er

Rieger, Cathrin (2026): „Netzwerk des Wegsehens: Macht und Angst sind kein Flirt.“ Leserinnenbrief als Reaktion auf Adrian Hartschuh: „Ciao, Bella!“, RHEINPFALZ, 17.08.2026. – Zum Brief :

Bohner, Gerd (1998). „Vergewaltigungsmythen: Sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugungen im Bereich sexueller Gewalt.“ Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

https://de.wikipedia.org/wiki/Catcalling

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland.“ Repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.

https://www.deutschlandfunk.de/catcalling-sexuelle-belaestigung-strafe-deutschland-spanien-frankreich-100.html

1 https://www.zeit.de/2026/34/strafjustiz-ueberlastung-strafverfahren-untersuchungshaft-personalmangel

https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/panorama_nt/article243730897/Platz-und-Personalmangel-fuehren-zu-Entlassungen-aus-Haft.html

Deutscher Bundestag (2026): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage zur geplanten Erweiterung des strafrechtlichen Schutzes vor gezielten, offensichtlich unerwünschten und erheblichen verbalen und nicht-körperlichen sexuellen Belästigungen. Drucksache 21/5661 vom 27. April 2026.

Ruth Orkin Photo Archive: American Girl in Italy 1951.




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