Von Cathrin Rieger
Mit dem Start der Sommerferien und damit der sogenannten Urlaubszeit schleicht sich eine hektische Betriebsamkeit ein. Oft begegnet einem die neugierige Frage: „Und – wohin fahrt ihr in den Urlaub?“
Ich sage dann immer: „Der kürzeste Weg in den Urlaub ist der Garten.“ Und auch, dass wir dieses Jahr nicht wegfahren, sondern uns mit Tagesausflügen und schönen Auszeiten in der näheren Region begnügen
Wenn ich ehrlich bin, ich habe schon lange keine Lust mehr auf anstrengende Staus, volle und laute Campingplätze, der oft mitschwingende Druck, möglichst viel Abenteuer in 14 Tagen zu erleben, die man dann sofort auf Instagram oder anderen (A-) Sozialen Netzwerken teilt sowie horrende Preise während der Hochsaison.
Dann kommt meist ein: „Aha, ja klar – man kann es auch daheim schön haben.“
Ja, das kann man. Fremde Kulturen, beeindruckende Landschaften, Meeresrauschen, andere Sprachen und unbekannte Essensgerichte haben ihren Reiz – keine Frage. Reisen erweitert den Horizont. In der Fremde begegnen wir oft auch uns selbst.
Ich persönlich möchte das aber nicht in der Hauptsaison unter den genannten schlechten Bedingungen machen (müssen).
Doch manchmal frage ich mich, ob wir nicht vergessen haben, dass auch das Vertraute eine Tiefe besitzt. Dass die größte Entdeckung nicht immer in der Ferne wartet. Manchmal liegt sie direkt hinter der Terrassentür.

Der Garten als Gegenentwurf
Der Garten ist für mich weit mehr als ein Stück Land. Er ist ein Gegenentwurf zu einer Welt, die ständig in Bewegung ist. Während Flughäfen, Autobahnen und Bahnhöfe im Sommer Hochbetrieb haben, lädt der Garten zum Bleiben ein.
Bleiben ist heute fast schon eine kleine Provokation geworden.
Der Garten fragt nicht nach Effizienz. Er kennt keine Checklisten, keine Sehenswürdigkeiten, die man „gemacht haben muss“. Er fordert keine Selbstoptimierung. Er lädt dazu ein, einfach da zu sein.
Darin liegt vermutlich seine Kraft: Einfach sein, diese Ruhe fällt in unserer Welt der Verfügbarkeit ständiger neuer Reize irgendwie unsexy aus dem Rahmen: keine Versprechen, man kann nichts kaufen. Und doch sehnen sich – so meine Wahrnehmung – viele Menschen genau danach.
Die Weisheit der Jahreszeiten
Wer gärtnert, lernt Demut.
Demut ist ein Wort, das heute aus der Mode gekommen scheint. Dabei beschreibt es eine Haltung, die aktueller kaum sein könnte: die eigenen Grenzen anzuerkennen, dem Leben mit Respekt zu begegnen und nicht alles kontrollieren zu wollen.
Im Garten wird diese Erkenntnis sichtbar. Wir können säen und pflegen. Ob etwas wächst, liegt nicht allein in unserer Hand; und hier liegt eine befreiende Erfahrung: Nicht alles hängt von uns ab und nein, ich kann nicht alles kontrollieren. Ich lerne damit auch auf simple Art: Loslassen.
Der Garten erinnert uns daran, dass alles seine Zeit hat. Säen und Ernten. Wachsen und Vergehen. Blühen und Ruhen.
Wir leben in einer Kultur permanenter Verfügbarkeit. Der Garten lebt jedoch nach ganz anderen Gesetzen. Tomaten lassen sich nicht beschleunigen. Ein Baum wächst nicht schneller, weil wir es wünschen. Die Natur kennt keinen Aktionismus.
Der Prediger Salomo formuliert es so: „Alles hat seine Zeit.“
Im Garten wird dieser Satz ganz konkret sichtbar und zwar jeden Tag.
Das kann auch für unser eigenes Leben eine gute Metapher sein: Nicht jede Phase muss produktiv sein. Nicht jeder Abschnitt dient dem Vorankommen. Es gibt Zeiten des Aufbruchs und Zeiten des Wartens. Zeiten der Fülle und Zeiten des Rückzugs. Genau wie im Buch Kohelet beschrieben.
Ein Garten lehrt Gelassenheit gegenüber dem eigenen Lebensrhythmus.


Gesundheit wächst nicht im Supermarkt
Wer eigenes Obst, Gemüse oder Kräuter erntet, erlebt einen Zusammenhang, der vielen Menschen verloren gegangen ist.
Gesundheit entsteht nicht erst auf dem Teller.
Sie beginnt im Boden, im Sonnenlicht, im manchmal ersehnten Regen, in der Geduld des Wachsens.
Eine Handvoll Himbeeren, frisch gepflückte Kräuter oder eine reife Tomate aus dem eigenen Garten sind mehr als Lebensmittel. Sie erzählen von Verbundenheit: Mit der Erde, mit den Jahreszeiten sowie mit den fundamentalen Grundlagen unseres Lebens.
In der christlichen Tradition ist die Schöpfung kein Rohstofflager, sondern Geschenk. Wer einen Garten pflegt, entwickelt oft eine neue Achtung vor diesem Geschenk.
Der Prophet Jesaja verwendet dafür ein schönes Bild. Er beschreibt den Menschen, der aus Gottes Kraft lebt, als einen „bewässerten Garten“. Ein Garten kann nur gedeihen, wenn er genährt wird. Für die Seele gilt dasselbe. Auch sie braucht Wasserquellen: Zeiten der Ruhe, wohltuende Beziehungen, Hoffnung, Verbundenheit, Gebet, Natur und Momente, in denen wir wieder bei uns selbst ankommen.
Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. (Jer 31,12)

Gottes Garten ist bunt
Kaum ein Ort zeigt die Schönheit von Vielfalt so eindrucksvoll wie ein Garten.
Jede Pflanze wächst anders. Jede hat ihren eigenen Rhythmus, ihre eigenen Bedürfnisse und ihren bevorzugten Platz. Manche lieben die Sonne, andere den Schatten. Einige wachsen langsam, andere schießen in die Höhe.
Trotzdem entsteht kein Konkurrenzkampf um Gleichheit.
Es entsteht Vielfalt.
Gemüse wächst neben Blumen, Obstbäume neben Kräutern, Stauden neben Wildpflanzen: Alles hat seinen Platz.
Das erinnert mich an den Satz: „Gottes Garten ist bunt.“
Was für den Garten gilt, könnte auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben gelten: Menschen müssen nicht gleich sein, um miteinander leben zu können. Unterschiedlichkeit ist keine Bedrohung; sie ist eine Bereicherung.
Vielleicht besteht die Kunst eines gelingenden Lebens darin, den eigenen Platz zu finden und zugleich dem anderen seinen Platz zu lassen?
Das erinnert an das alte biblische Friedensbild von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden; Leben gelingt dort, wo Kräfte nicht gegeneinander arbeiten, sondern dem gemeinsamen Wachsen dienen. Welch großartiges, altes und doch so wahres Bild.

Was wirklich zählt
Wenn ich durch meinen Garten gehe, frage ich mich manchmal, warum wir Menschen so oft nach immer mehr streben.
Die Schönheit eines Gartens entsteht nicht durch Perfektion; sie entsteht durch Lebendigkeit.
Da wachsen Pflanzen, die ich nie gesetzt habe. Ein Holunderstrauch, eine Königskerze, ein kleiner Ahorn,… Irgendwann entdecke ich einen Feigenbaum an einer Stelle, an der er nie geplant war.
Solche Überraschungen gehören zu den schönsten Geschenken des Gärtnerns.
Der Garten erinnert mich daran, dass nicht alles gemacht werden muss. Vieles darf einfach entstehen.
Berührt uns der Garten deshalb so tief, weil er seit Jahrtausenden ein spiritueller Sehnsuchtsort ist? Zahlreiche biblische Geschichten beginnen in einem Garten: Das Paradies steht für die ursprüngliche Harmonie zwischen Mensch, Natur und Gott; ein traumhaft schöner Ort voll Frieden und Sein-dürfen. Und kurz vor seinem Tod zieht sich Jesus in den Garten Getsemani zurück.Dort ringt ein Mensch mit seiner tief empfundenen Angst, seinen Zweifeln und seinem Vertrauen. Der Garten wird zum Ort des Gebets, der Besinnung sowie der inneren Klärung.
Wer regelmäßig Zeit im Garten verbringt, kennt solche Momente: Während die Hände arbeiten, wird der Kopf still. Zwischen Beeten, Bäumen und Vogelstimmen entsteht ein ganz besonderer Raum, in dem Gedanken sich ordnen dürfen und die Seele zur Ruhe kommt. Manchmal ist der Garten ein Gesprächspartner – ja, ich gebe es zu: ich spreche mit den Pflanzen und Tieren. Manchmal ein der Garten aber auch ein Ort des Schweigens und oft beides zugleich.

Die Kunst der achtsamen Pflege
Achtsamkeit ist mittlerweile zu einem Modewort geworden. Im Garten gewinnt es allerdings seinen ursprünglichen Sinn zurück, weshalb ich in diesem Bezug das Wort Achtsamkeit bewusst nutzen möchte.
Wenn ich gieße, sehe ich ganz bewusst und ganz genau hin:
Welche Pflanze braucht heute Wasser? Welche kommt gut zurecht? Wo zeigen sich erste Krankheiten? Welcher Zweig sucht seinen Weg ins Licht?
Gärtnern beginnt mit Wahrnehmen.
Dabei darf ein Garten durchaus wild sein; manchmal jedoch braucht es zur Harmonie auch ein wenig „Kultivierung“ im Dschungel: Pflege, Ordnung sowie behutsame Gartengestaltung.
Hier berührt sich die Gartenkunst mit dem Gedanken des Feng Shui. Die jahrtausendealte chinesische Lehre beschäftigt sich mit dem harmonischen Fluss von Lebensenergie: Räume (auch der Garten) sollen so gestaltet werden, dass sie Ruhe, Klarheit und Lebendigkeit fördern.
Im Garten bedeutet das keine künstliche oder sterile Perfektion. Es bedeutet, Wege freizuhalten, Übergänge bewusst zu gestalten sowie Orte entstehen zu lassen, an denen Menschen und Natur gleichermaßen aufatmen können.
Kultivierung ist in diesem Zusammenhang kein Beherrschen der Natur. Es geht um Harmonie und Zusammenarbeit mit der Natur – ein Wechselspiel.

Der Garten als Lehrmeister
In meinen Augen ist der Garten deshalb einer der besten Lehrmeister für bewusstes Leben. Ein Metapher des Lebens, des Lebenskreises: Leben und Sterben, der Jahreszeiten.
Er lehrt Geduld in einer ungeduldigen Zeit.
Er lehrt Vielfalt in einer Welt der Schubladen.
Er lehrt Dankbarkeit und Vertrauen in einer Kultur des Mangels.
Er lehrt uns loslassen und sein lassen.
Er erinnert daran, dass nach jedem Winter wieder etwas zu wachsen beginnt. Der Prophet Jesaja beschreibt das in einem seiner bekanntesten Hoffnungsbilder: Selbst aus einem scheinbar abgestorbenen Baumstumpf wächst ein neuer Trieb hervor. Wo wir Menschen oft lediglich ein Ende sehen, sieht Gott dort schon wieder einen (Neu-) Anfang.
Das faszinierende an einem Garten ist, er widerspricht tagtäglich der Behauptung, alles werde schlechter. Wenn man die Perspektive wechselt und es aus der „Gartensicht“ sieht: Jeder neue Austrieb erzählt von Zukunft, jede Blüte von Schönheit und jede Ernte von Fülle.
Und er erinnert uns daran, dass das Wesentliche oft näher liegt, als wir denken.
Vielleicht führt der kürzeste Weg in den Urlaub tatsächlich nicht an einen anderen Ort, sondern zurück zu uns selbst?
Der Garten lässt manchmal eine Ahnung des Paradieses aufscheinen.
Und oftmals genügt schon ein lauer Sommerabend zwischen Tomatenstauden, Rosmarin und Vogelgesang, dem warmen, wohltuenden Duft von Lavendel, um zu ahnen: Am Ende könnte alles gut werden.
Zur Autorin
Cathrin Rieger ist Systemischer Coach, Mediatorin und Trainerin. Sie arbeitet zu Fragen von Haltung, Prävention, professionellem Handeln und Organisationsentwicklung.
Weitere Informationen unter:
www.perspektivwechselcathrinrieger.de

Foto: Cathrin Rieger

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