Wenn das Gedankenkarussell stoppt: Stoische Haltung für eine moderne Coaching-Welt

3–5 Minuten

Von Cathrin Rieger

Stoizismus erlebt gerade ein ziemliches Comeback. Nicht, weil es auf einmal Mode wäre, in antiken Texten zu blättern, sondern weil viele Menschen heute unter absoluter mentaler Überforderung leiden: Informationsflut, Leistungsdruck, Unsicherheit, Ablenkungen durch Social Media, Selbstoptimierungsansprüche…

Zwischen diesen Ansprüchen und Erwartungen wächst das Bedürfnis nach innerer Ruhe, Klarheit sowie Orientierung. Genau hier knüpft Marcos Vázquez in seinem Buch „Invicto – Unbezwingbar“ an und verbindet die stoische Lebenshaltung mit moderner Psychologie.

Wer waren diese Stoiker eigentlich?

Die Stoiker waren eine philosophische Schule des alten Griechenlands und später Roms. Namen wie Seneca, Epiktet oder der römische Kaiser Marcus Aurelius stehen für eine Lebensphilosophie, die keine abstrakte Theorielehre war, sondern ein praktischer Weg zu innerer Stärke. Ihr Kern lässt sich in einem Satz aus Epiktets Enchiridion zusammenfassen:

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir über die Dinge haben.“

Genau hier beginnt mentale Freiheit!

Stoizismus als Haltung, nicht als Technik

Marcos Vázquez zeigt in seinem Buch, dass Stoizismus eben keine emotionale Abstumpfung ist, wie oft angenommen wird, vielmehr ist es eine Form der mentalen Präsenz und Selbstführung. Stoiker trainieren den Geist, ähnlich wie man einen Muskel trainiert: Sie nehmen Gedanken wahr, prüfen ihre Wirkung und wählen bewusst, worauf sie ihre mentale Energie richten. Das verlagert die Aufmerksamkeit weg vom Außen – das wir selten kontrollieren können – hin zum Innen, wo Entscheidungen entstehen.

Im Coaching und in der psychologischen Arbeit ist dieses Prinzip heute hoch relevant: Menschen suchen weniger Methoden, wie sie schneller funktionieren, sondern nachhaltig Orientierung, wie sie stabiler denken und empfinden können.

Achtsamkeit ohne Räucherstäbchen

An dieser Stelle berühren sich Stoizismus und moderne Achtsamkeit erstaunlich stark. Marcos Vázquez beschreibt keine spirituellen Praktiken, sondern eine sehr nüchterne, wache Aufmerksamkeit für das eigene Innenleben: Was löst welche Reaktion aus? Welche Geschichten erzählt mein Geist über Ereignisse? Welche Bewertungen schieben sich zwischen Erleben und Handlung?

Die Stoiker nannten dies „Prosoché“: eine achtsame Aufmerksamkeit für das, was gerade geschieht.

Diese Form der Präsenz dient nicht dazu, Gefühle zu unterdrücken. Ganz im Gegenteil: Sie schafft Raum zwischen Reiz und Reaktion – und genau in diesem Raum entsteht Freiheit.

Das berüchtigte Gedankenkarussell

Die Verbindung aus stoischer Haltung und moderner Psychologie wird besonders eindrucksvoll dort, wo es um das allseits bekannte Gedankenkarussell geht. Jeder kennt diese mentalen Endlosschleifen – insbesondere nachts, wenn man im Bett liegt und eigentlich in Ruhe schlafen möchte, in denen Szenarien immer wieder durchgespielt werden, ohne je zu einem Ergebnis zu führen. Das Karussell erzeugt Stress, Unruhe, Ärger sowie Selbstzweifel, aber keine Lösungen.

Die Beobachterperspektive: Eine kleine Übung

Vázquez empfiehlt eine Übung, die sowohl stoisch als auch kognitiv-psychologisch anschlussfähig ist:

Man soll seine Gedanken zunächst nur beobachten, ohne auf sie einzugehen oder ihnen unmittelbar Glauben zu schenken. Man betrachtet seine Gedanken wie vorbeiziehende Wolken, statt sie als Fakten zu behandeln. So entfaltet Epiktets Einsicht ihre Wirkung: Nicht die Dinge selbst erschüttern uns, sondern unsere Interpretation der Dinge. Durch diese Beobachterperspektive verliert das Karussell an Tempo und das Nervensystem kann sich beruhigen.

Mentale Souveränität als Coaching-Ressource

Wenn der Geist nicht mehr ständig auf äußere oder innere Impulse reagiert, entsteht mentale Souveränität und innere Freiheit: eine Form innerer Stabilität, die nicht von Tagesereignissen oder Erwartungen erschüttert wird. Für Coaches ist diese Perspektive besonders spannend, da sie den Fokus vom reinen „Funktionieren“ auf das „Haltung entwickeln“ verschiebt.

In „Invicto“ macht Vázquez deutlich: Unbezwingbar wird nicht, wer vermeintlich mehr Kontrolle über das Außen gewinnt, sondern wer mehr Einsicht ins eigene Innenleben gewinnt. Dies ist keine Rückzugsstrategie, sondern eine Einladung zu mutiger Selbstführung und Entschleunigung.

Stoische Weisheit für die Gegenwart

Kommt Dir das bekannt vor? Richtig – diese Form der inneren Wahrnehmung hat Verwandte: In der modernen Psychologie erinnert sie an Methoden wie das Focusing von Eugene Gendlin, bei dem der Körper als Resonanzraum für innere Prozesse ernst genommen wird. Und auch in der ignatianischen Spiritualität finden sich Parallelen, wenn es darum geht, innere Regungen zu unterscheiden, ohne ihnen sofort zu glauben oder zu folgen. In all diesen Fällen steht der Mensch nicht dem tosenden Weltlärm, sondern seinem eigenen Innenleben gegenüber und lernt, dort Orientierung zu finden.

Und hier drei Fragen zum Abschluss für eine Selbstreflexion:

Was in meinem aktuellen Leben kann ich wirklich beeinflussen und worauf reagiere ich nur?

Was kann ich loslassen – was behalte ich?

Welche Geschichten erzählt mein Geist über Ereignisse, und welche davon wären vielleicht auch anders interpretierbar?


Lesetipp & Quelle: Álvarez, Marcos V. (2021): Invicto – Unbezwingbar. Mit der modernen Psychologie zu einem erfüllteren Leben. München: Riva Verlag. –> Link


Bild: Cathrin Rieger





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