Von Cathrin Rieger
Uraltes Medizinwissen, neu entdeckt: Warum ein fast vergessenes Buch und ein jahrtausendealter Text mehr über Gesundheit wissen, als wir dachten.
Was wäre, wenn eines der ältesten Bücher der Welt zugleich eines der verkanntesten und wichtigsten Medizinbücher der Geschichte ist?
Die Bibel befasst sich sehr vielschichtig und tiefgründig mit der Frage: Wie kann Leben gelingen? Und dazu gehören auch gesundheitliche Aspekt. Wer die Bibel aufschlägt und genau liest,wird erstaunt feststellen, was sich dort alles finden lässt: magische Heilformeln, präzise Anweisungen zur Verwendung von Heilkräutern, Reinheitsgebote mit hygienischem Hintergrund und dieser starke und weise Satz, der Heilung präzise zusammenfasst: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht.„ (Mk 10,52)
Darin zeigt sich ein Verständnis von Heilung, das erstaunlich anschlussfähig an moderne Forschung ist: die Erkenntnis, dass Körper und Psyche nicht getrennt voneinander funktionieren.
In der Bibel zeigt sich auch die Haltung Jesu als Heiler. Er fragt sein Gegenüber: Was willst du, das ich dir tue? Wow, welch großartiger Satz, welch großartige Haltung. Im Gegensatz zu vielen heutigen „Halbgöttern in weiß“, die vermeitlich alles wissen, nimmt Jesus sein Gegenüber als „Exptert:in für sein Leben“ ernst und begegnet ihm respektvoll, vorsichtig in der Fragehaltung. Ein Vorbild auch für die heutige Medizin.

Körper, Seele und Sabbat
In der Antike war Erschöpfung kein Leistungsbeweis oder Statussymbol. Der Sabbat, ein Tag ohne Produktion, ohne Handel, ohne Optimierung, war in seiner Zeit eine enorme Revolution. Heute wissen wir: Regelmäßige Erholung senkt Cortisolspiegel, verbessert die Herzgesundheit und stabilisiert die psychische Belastbarkeit. Die Bibel empfiehlt somit mit dem Sabbat ein Gesundheitsprinzip, das funktioniert und zwar bis heute.
„Ein fröhliches Herz fördert die Genesung, ein bedrücktes Gemüt lässt die Kräfte schwinden.“ Sprüche 17,22
Dieses Bibelzitat ist kein spiritueller Kalenderspruch, sondern es zeigt auf, was die moderne Forschung erst seit einigen Jahrzehnten genauer untersucht: den engen Zusammenhang zwischen seelischem Erleben und körperlicher Gesundheit. Die Psychoneuroimmunologie zeigt heute, wie stark Gedanken, Emotionen, Nervensystem und Immunsystem zusammenwirken. Chronischer Stress belastet den Körper, Hoffnung und soziale Verbundenheit können hingegegen Heilung fördern. Die Bibel fand dafür schon Worte, lange bevor die Wissenschaft ihre Modelle und Fachbegriffe entwickelte.
Ernährung, Reinheit, Mäßigung
Viele der alttestamentarischen Speisevorschriften erscheinen auf den ersten Blick rätselhaft und veraltert. Beim zweiten Blick, aus der Perspektive von Klimazonen, Hygiene und Mangelernährung, ergeben sie jedoch erstaunlich viel Sinn: Kein Schweinefleisch in der Wüste, kein Verzehr von Blut, Fastenzeiten als Auszeiten des Körpers: Es geht dabei nicht um Magie, sondern um Mäßigung und Bewusstsein. Ein Konzept, das in Zeiten permanenter Verfügbarkeit und Überfluss wieder hochaktuell ist. Intermittierendes Fasten (Intervallfasten) ist mittlerweile wieder „in“ und es ist fundiert belegt, dass fasten die Autophagie (den zellulären „Recycling-Prozess“, bei dem beschädigte Zellbestandteile abgebaut und erneuert werden) aktiviert.

Gemeinschaft als Medizin
Einer der am meisten unterschätzten Gesundheitsfaktoren, den man in biblischen Texten findet, ist die Gemeinschaft. Heilung bedeutete selten ausschließlich Symptomfreiheit: Heilung bedeutete Rückkehr in die Gemeinschaft, Wiedereingliederung, Zugehörigkeit sowie soziale Inklusion. Was damals spirituell gemeint war, ist heute epidemiologisch belegt: Einsamkeit gilt als enormer gesundheitlicher Risikofaktor, der in seiner Wirkung auf die Sterblichkeit mit schwerem Rauchen vergleichbar ist.
Gebet = mehr als ein Placebo?
Kommen wir zum Gebet: Gebet ersetzt keine Antibiotika; das ist klar. Studien zeigen, dass spirituelle Praxis (Meditation, Rituale, Yoga, Naturerfahrung in Stille, Gebet) Stresshormone senken, Angst mindern sowie das subjektive Wohlbefinden spürbar verbessern kann. Gebet ist ein Moment der Fokussierung, auf das Hier und Jetzt, ein bewusster Moment der inneren Sammlung, des Innehaltens, der Ruhe, der Entlastung, des Loslassens: Wir sprechen hier nicht über Esoterik, nein, das ist Physiologie und ist bereits in der Bibel eine Empfehlung für gelingendes Leben.

Heilung ist nicht immer Gesundwerden
Hier liegt der vielleicht tiefste Unterschied zwischen biblischem und modernem Denken: Unsere Gegenwart setzt Heilung mit Funktionsfähigkeit gleich. Damit assoziiert man symptomfrei, leistungsfähig sowie messbar gesund zu sein. Die Bibel denkt jedoch weiter: Ein Mensch kann äußerlich krank und innerlich heil sein und umgekehrt.
Heilung im biblischen Sinn bedeutet Ganzheit: Versöhnung mit der eigenen Geschichte, mit anderen, mit dem Größeren.
Das zeigt, wie aktuell auch heute das Buch der Bücher ist und wie es eine gute Ergänzung zu unserem heutigen Medizinwissen darstellt.
Das leider mittlerweile nur noch im Antiquariat zu bekommene Buch von Kurt Allgeier hat mich daran erinnert, wie viel altes Wissen ganz leise verschwunden ist. Und wie schade, dass dieses großartige Buch voller Weisheit und altem Wissen nicht mehr verlegt wird.
Auch das ist eine interssante Beobachtung und vielleicht ist das die eigentliche Diagnose?
Was wäre, wenn wir den Menschen wieder vollständiger denken würden; jenseits von Laborwerten und Symptomchecklisten? Was denkst Du darüber?
Foto von Cathrin Rieger und Jessica Mangano auf Unsplash sowie Foto von Anna Pelzer auf Unsplash sowie KI-Gemini: Jesus-Bild
- Kiecolt-Glaser, J.K. et al. (2002): Emotions, morbidity, and mortality. Annual Review of Psychology 53, 83–107. [Psychoneuroimmunologie: Zusammenhang von Emotionen und Immunsystem]
- Holt-Lunstad, J. et al. (2015): Loneliness and social isolation as risk factors for mortality. Perspectives on Psychological Science 10(2), 227–237. [Einsamkeit als Gesundheitsrisiko, vergleichbar mit starkem Rauchen]
- Allgeier, Kurt: Mit der Bibel heilen. Medizinisches Uraltwissen – neu entdeckt. [Nur noch antiquarisch erhältlich; bibliografische Details je nach Ausgabe]
Buchtipp aus der Redaktion Ich lese gerade: Kurt Allgeier, „Mit der Bibel heilen. Medizinisches Uraltwissen – neu entdeckt“. Leider wird das Buch nicht mehr verlegt und ist nur noch antiquarisch zu finden. Sehr bedauerlich, denn es versammelt altes Wissen auf eine Weise, die einen nachdenklich stimmt und auch inspiriert. Warum ist dieses Wissen nicht längst im modernen Medizinbetrieb verankert?

Zur Autorin
Cathrin Rieger ist Systemischer Coach, Mediatorin und Trainerin. Sie arbeitet zu Fragen von Haltung, Prävention, professionellem Handeln und Organisationsentwicklung.
Weitere Informationen unter:
www.perspektivwechselcathrinrieger.de


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