Von Cathrin Rieger
Die stillen Abschiede
Es gibt Momente, in denen ich spüre, dass etwas in mir zu Ende gegangen ist: Ohne Knall und Drama. Das ist eher ein stilles Verstummen.
Überzeugungen, die mich jahrelang sicher fühlen ließen und selbstverständlich waren, greifen plötzlich ins Leere und tragen mich nicht mehr. Mein Bild von mir selbst passt nicht mehr zur Realität und die Hoffnung, an der ich mich so krampfhaft festgehalten habe, hat leise den Raum verlassen.
Meine Yogalehrerin hat einmal gesagt: „Leben lernen heißt sterben lernen.“ Damals klang das groß. Heute klingt es wahr.
Auf der Matte: Loslassen üben
Am Ende jeder Yogastunde liege ich in Shavasana, die „Toter-Mann-Haltung“ und es geht tatsächlich darum, das Loslassen, das Sterben zu üben. Das ist im Yoga ein Abschluss-Ritual.
Die oftmals gar nicht so leise Stille auf der Matte ist entwaffnend ehrlich. Sie zeigt, was gerade ist: Gedanken fluten herein, Gefühle klopfen an (nicht alle sind willkommen), aber hier haben sie Platz. Ich merke, wie oft ich im Alltag ausweiche, mich ablenke oder einfach mechanisch weitermache. Hier funktioniert das nicht.
Loslassen ist ein schönes Wort für Sonntagsreden – bis es konkret wird, bis ich wirklich die Finger öffnen muss. Dann spüre ich, wie verkrampft ich eigentlich festhalte.
Der große Yoga-Lehrer T. K. V. Desikachar 1 hat diesen Prozess sehr treffend beschrieben:
Das Ziel des Yoga ist es, die Trümmer der Vergangenheit wegzuräumen, damit wir das Licht der Gegenwart sehen können.
Ich beginne zu verstehen, was das bedeutet: Loslassen ist nichts Passives, sondern es ist ein aktiver und mutiger Schritt. Eine Zustimmung zu dem, was gerade vergeht und damit auch ein „ja“ zu mir.
Karfreitag im eigenen Leben
Vielleicht berührt mich deshalb die Osterzeit so sehr.
Karfreitag ist für mich kein fernes Geschehen, sondern ein Gefühl, wenn ich merke: Ich komme hier nicht mehr zurück.Ich muss etwas, aus dem ich entwachsen bin, loslassen. Ich muss da durch.
Diese Entscheidungen muss man selbst fällen und selbst gehen. Daher geht es bei diesen „kleinen Toden im Alltag“ auch um: Alleinsein, Zweifel und Angst.
Wie macht er das, dieser Jesus? Dieser Jesus, der genau das nicht umgeht und ausweicht oder davonläuft. Jesus bleibt, er nimmt an – zwar auch hadernd und mit seinen Gefühlen ringend. Aber er vertraut, selbst dort, wo alles dunkel wird.
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)
Das berührt mich, weil es kein Aufgeben ist, sondern Hingabe sowie ein tiefes Vertrauen.
Keine Abkürzung im Leben wählen
Ich würde diesen unangenehmen Teil im Leben immer gerne überspringen: Und hopp, direkt ins Leichte, ins Helle, ins Klare und ins Neue.
Leider funktioniert Wandlung so aber nicht: Sie passiert nicht im Festhalten, sondern im Durchgehen, im Aushalten, im Stillwerden sowie im Nicht-Wissen-Dürfen.
Was leise entsteht
Manchmal verändert sich dann ganz unspektakulär etwas:
Ein wenig mehr Weite entsteht, ein Aufatmen, noch zögerndes Vertrauen kehrt zurück.
Kein großes Wunder, sondern eher ein leises Aufrichten.
Genau das ist Ostern: nicht das blendende Licht, sondern dieser erste, zarte Moment, in dem man spürt, dass das Leben zurückkommt.
Was in mir darf gerade leise zu Ende gehen, damit etwas Neues entstehen kann?
Schreib mir gerne Deine Antwort: info@cathrinrieger.com
Zur Autorin
Cathrin Rieger ist Systemischer Coach, Mediatorin und Trainerin. Sie arbeitet zu Fragen von Haltung, Prävention, professionellem Handeln und Organisationsentwicklung.
Weitere Informationen unter:
www.perspektivwechselcathrinrieger.de

Quellen und Vertiefung:
T.K.V. Desikachar: „Yoga: Tradition und Erfahrung“. Verlag Via Nova 1997

Kommentar verfassen