Von Cathrin Rieger
Eines meiner Lieblingszitate von Giovanni Don Bosco ist sehr kurz und lautet: „Coraggio!“ -Nur Mut! So simpel, aber dennoch so gehaltvoll. Immer wieder kommt mir in verschiedenen Lebensphasen dieses einfache Wort Don Boscos in den Sinn. Meist in Krisen, in Übergängen des Lebens, dann, wenn ich diese feine, manchmal schmerzhafte Ambivalenz zwischen Hoffnung und Angst in mir spüre. Und oft habe ich dieses Zitat auch meinen Supervisand*innen oder Kursteilnehmer*innen mitgegeben.
Was steckt hinter diesem einfachen Wort?
Was steckt dahinter? Was meint „Nur Mut“ wirklich – jenseits von Durchhalteparolen oder blindem Aktionismus?
Für mich hat Coraggio viel mit der Freiheit des Herzens zu tun. Mit jener inneren Freiheit, die nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern sich von ihr nicht lähmen zu lassen. Freiheit des Herzens bedeutet für mich, mich nicht dauerhaft von äußeren Erwartungen, inneren Blockaden oder alten Verletzungen bestimmen zu lassen. Es bedeutet, in Kontakt zu bleiben mit dem, was mich im Innersten bewegt, mir Halt gibt und trägt sowie meinen Werten entspricht.
Übergänge, Krisen und das Vertrauen ins Heute
Gerade in Krisen und Übergangsphasen wird einem oft besonders deutlich, wie sehr wir nach Sicherheiten suchen: Wir möchten wissen, wie es weitergeht, ob unsere Entscheidungen richtig sind und ob wir scheitern könnten. Genau hier setzt für mich das biblische Wort der Bergpredigt an:
„Kümmert euch nicht um das Morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ – Matthäus 6,34
Das ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit, sondern vielmehr als Zuspruch zum Vertrauen zu verstehen. Zum Vertrauen, dass das Heute genug ist. Dass der nächste Schritt reicht.
Die Freiheit des Herzens und die Unterscheidung der Geister
Für mich ist dabei die Unterscheidung der Geister ein entscheidender Punkt. Dieses feine innere Wahrnehmen: Was führt mich in die Enge und was weitet mein Herz? Welche Stimme nährt Angst, Druck und Selbstverurteilung und welche bringt trotz Unsicherheit Frieden, Klarheit und Lebendigkeit?
Wenn ich nach ehrlicher Prüfung spüre: „Das ist stimmig!” Das entspricht meinen Werten. Das bringt mein Herz in eine stille Freiheit, dann, so glaube ich, darf und soll ich diesem inneren Ruf folgen.
Wenn sich Türen schließen
Der bekannte Satz „Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf“ klingt manchmal fast banal wie ein verstaubter Kalenderspruch. Und doch habe ich ihn im eigenen Leben immer wieder als wahr erlebt. Oft sieht man die neue Tür erst, wenn man den Mut hatte, die alte loszulassen. Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man ihn geht.
Es wird nicht alles vorher klar sein, nicht jede Antwort wird bereits sichtbar parat liegen. Aber während man geht, lösen sich Blockaden, Begegnungen entstehen und neue Möglichkeiten werden sichtbar.
Im Tun zeigt sich der Weg
Aus meiner ganz persönlichen Sicht glaube ich, dass wir dabei nicht allein unterwegs sind. Ich glaube an eine göttliche Führung, die nicht laut und spektakulär, sondern leise, respektvoll und niemals zwingend daherkommt. Eher wie ein Zuspruch: „Du darfst!” Du kannst! Vertrau!
„Wer sucht, der findet“, zwar nicht immer sofort und nicht immer so, wie wir es erwarten, aber oft tiefer, als wir es geplant hätten.
Lieber wagen als bereuen
Vielleicht ist das der Kern von Coraggio: es geht dabei nicht um die Abwesenheit von Angst; es ist der Mut, der Angst nicht das letzte Wort zu lassen. Lieber etwas getan haben und es später bereuen, als aus Angst etwas nicht gewagt zu haben und es später zu bereuen: denn Wachstum geschieht selten in der Komfortzone.
Krisen können, bei aller Schwere, zu Orten der Reifung werden, wenn wir ihnen nicht ausweichen, sondern mit offenem Herzen begegnen.
Coraggio – eine Einladung
Coraggio -Nur Mut! Für mich ist das kein schneller Trost, sondern eine Einladung: zur Freiheit des Herzens, zum Vertrauen ins Leben, zum Schritt nach vorne, auch wenn der Boden noch nicht ganz sichtbar ist.
Und vielleicht genau darin liegt die Verheißung: Dass sich der Weg zeigt, während wir ihn gehen. Und wir gehen ihn nicht allein!
Kennst du auch solche „Coraggio-Momente“?
Die Idee zu diesem Artikel verdanke ich einem lieben Freund und ehemaligen Kollegen – herzlichen Dank dafür, lieber Michael!
Zur Autorin
Cathrin Rieger ist Systemischer Coach, Mediatorin und Trainerin. Sie arbeitet zu Fragen von Haltung, Prävention, professionellem Handeln und Organisationsentwicklung.
Weitere Informationen unter:
www.perspektivwechselcathrinrieger.de


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