This changes everything: Was Bücher bewegen können

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7–11 Minuten

„This changes everything“ lautete das Motto der Frankfurter Buchmesse 2026. Ein Motto, das zum Nachdenken anregt: Was können Bücher heute noch bewirken, in einer Welt, die zunehmend von Bildschirmen und digitalen Medien geprägt ist? Können Geschichten unsere Sicht auf die Welt verändern?

Auf der Buchmesse habe ich Menschen aus der Welt der Bücher getroffen und ihnen genau diese Fragen gestellt. Ihre Antworten zeigen, wie unterschiedlich wir lesen, was uns berührt und welche Geschichten uns im Gedächtnis bleiben.

Ein besonderer Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus ergab sich durch Tschechien, das in diesem Jahr Gastland der Messe war. Die tschechische Literatur eröffnete dabei weitere, tiefgründige Perspektiven auf Geschichte und wichtige gesellschaftliche Fragen.

Dabei gibt es neben spannenden Perspektivwechseln auch jede Menge Leseinspiration zu entdecken. Die genannten Bücher habe ich, soweit möglich, direkt verlinkt. Vielleicht ist ja auch eine Geschichte für Sie dabei, die Sie neugierig macht oder Ihren eigenen Blick auf die Welt verändert?

Lesen Sie selbst, was Bücher bewegen können. Und wer weiß, vielleicht entdecken Sie dabei Ihr nächstes Lieblingsbuch!

Viel Freude beim Entdecken und Wechseln der Perspektiven!

Cathrin Rieger


David Materna, Verkäufer, Ravensburger Verlag

Gibt es ein Buch, das Ihre Sichtweise verändert hat?

Ja, das wäre „Let’s talk about – Frieden und Kriege“. Das spricht politische Themen so jung und frisch an, dass man selbst im jungen Alter über solche ernsten Themen reden kann. Ist einfach sehr gut gemacht, muss ich sagen. Das hat definitiv noch mal mein Augenmerk auf die Möglichkeit, die diese Bücher haben, erweitert.

Cover: „Let’s talk about – Frieden und Kriege“, Dr. Cora Bieß (Autorin), Berghof Foundation (Autor), Kristina Nowothnig (Illustrator), Ravensburger Verlag

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der nicht gern liest und überhaupt keinen Zugang zu Büchern hat. Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen: Das würde ich demjenigen gern in die Hand drücken?

Lesen ist eine wirklich spezielle und individuelle Angelegenheit. Ich lese ja auch nicht alles, ich habe meine Bücher. Da habe ich jetzt kein Buch, wo ich einfach sagen würde, das ist DAS Buch. Das muss einfach passen, das ist zu speziell.

Was kann ein Buch, was ein Bildschirm nicht kann?

Die Gedankenwelt, also die Gedanken dahinter, sind weit deutlicher und aktiver. Beim Bildschirm ist man oft nicht genug dabei, denkt einfach nicht genug mit. Und in einem Buch ist man schon dabei.


Verena Sangu, Lektorin und Programmleitung Pädagogik bei Don Bosco Medien

Gibt es ein Buch, das Ihre Sicht auf etwas verändert hat?

Ja, tatsächlich fällt mir spontan ein Buch ein.
Was ich wirklich sehr spannend fand, war „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah. Das Buch spielt im Zweiten Weltkrieg, in Frankreich, und es wird gezeigt, wie die Frauen, die dort geblieben waren, im Untergrund gearbeitet haben. Das fand ich eine ganz andere Sicht auf diese Thematik. Sonst kriegt man das Thema oft von der deutschen Seite präsentiert.

Cover: „Die Nachtigall“, Kristin Hannah, Aufbau Taschenbuch

Was kann ein Buch, was ein Bildschirm nicht kann?

Ein Buch regt die Vorstellungskraft an. Ich gehöre zu der Fraktion, die lieber das Buch liest, als den Film anzuschauen. Der Film enttäuscht mich meistens, weil ich ganz andere Bilder in meinem Kopf entwickle. Man kann im Buch auch länger verweilen. Es ist nicht so, dass man schnell durchwischt oder dass, wenn ein Film läuft, das einfach an einem vorbeizieht, sondern wir können schöner eintauchen. Man hat auch diesen angenehmen Papiergeruch, wenn es ein „echtes“ Buch ist.

Wenn ein Mensch nicht wahnsinnig gern lesen würde: Welches Buch würden Sie ihm in die Hand drücken?

Schwierig. Ich bin ausgebildete Literaturwissenschaftlerin, deswegen ist es für mich noch schwerer. Vermutlich etwas Spannendes, nichts Hochliterarisches. Thomas Mann muss dann sicherlich nicht sein. Ich glaube, es ist wirklich individuell. Meine Neffen lesen insgesamt ganz viel, aber sie lesen zum Beispiel auch sehr gerne Comics. Gerade bei Kindern, bei denen man sagt, die läsen nicht so gerne, könnte das ein Einstieg sein.


Matthias Fuhrland, Kinderbuchautor

Welches Buch hat deinen Blick auf die Welt verändert?

Terry Pratchett, der Erfinder der Scheibenwelt, ist für mich der Godfather of Fantasy. Leider ist er viel zu früh von uns gegangen. Mit der Scheibenwelt beschreibt er unsere Welt auf eine ganz besondere Weise. Dort findet sich alles, woran Menschen jemals geglaubt haben, und Terry Pratchett betrachtet all das durch seine humorvolle Brille. Das ist wirklich witzig.

Die Scheibenwelt ist flach, und dort begegnen uns alle möglichen Wesen, die wir aus der Fantasy-Literatur kennen. Sie leben beispielsweise gemeinsam in einer großen Stadt. Dabei werden die ganz normalen Probleme, die beim Zusammenleben verschiedener Ethnien entstehen, auf die Spitze getrieben. Das ist unglaublich humorvoll und absolut lesenswert.

Cover: „Die Farben der Magie“, Terry Pratchett, Piper Verlag

Was kann ein Buch, was ein Bildschirm nicht kann?

Beide können dich in eine Geschichte hineinziehen. Aber beim Lesen entstehen die Bilder erst in deinem Kopf. Ein Buch motiviert dich dazu, selbst Bilder zu erzeugen, während dir das Fernsehen die Bilder vorgibt.

Ich bin jemand, der sich stark von visuellen Eindrücken angezogen fühlt und deshalb auch intensiv auf visuelle Medien reagiert. Umso schöner finde ich es, beim Lesen die Bilder selbst in meinem Kopf entstehen zu lassen. Diese individuellen Vorstellungen lassen sich durch die Bilder im Fernsehen nicht ersetzen. Dort konsumierst du die Bilder, während dich ein Buch dazu anregt, selbst kreativ zu werden.

Welche Geschichten bräuchte diese Welt noch viel mehr?

Geschichten, über die man lachen kann!

Menschen zum Lachen zu bringen, ist eine große Kunst. Ich glaube, es ist sogar eine der schwierigsten Aufgaben, die Literatur und Autorinnen und Autoren leisten können. Ernste Themen oder die Realität zu beschreiben, kann jeder versuchen. Aber Geschichten so zu schreiben, dass Menschen sie wirklich witzig und lustig finden, ist viel schwieriger. Ich glaube, das ist die hohe Kunst der großen Meister.

Christopher Moore ist dafür ein gutes Beispiel. Er schreibt ebenso witzig wie Terry Pratchett. Auch Matt Ruff versteht es hervorragend, Menschen mitzunehmen und zu unterhalten.

Cover: „Die Bibel nach Biff“, Christopher Moore, Goldmann Verlag

Für mich ist Unterhaltungsliteratur viel wichtiger als ernste Literatur.

Cover: „Geschichten vom Räuber Murmeldick“, Matthias Fuhrland (Autor), Illustration: Julia Kössler,

Link zum Buch von Matthias Fuhrland: https://www.murmeldick.de/


Miriam Wetzel, Erzieherin

Welche Geschichten bräuchte unsere Welt noch viel mehr?

Geschichten übers Leben. Und Geschichten für Kinder, die ihnen ermöglichen, sich auch unabhängig von ihren Eltern zu entwickeln. Zum Beispiel Geschichten, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Kinder ohne Druck sauber werden können.

Gibt es ein Buch, das deine Sichtweise verändert hat?

„Der kleine Prinz“ und „Betty und ihre Schwestern“ haben mich schon sehr früh geprägt. Durch diese Bücher bin ich gewachsen. Ich habe gelernt, meine Zeit für mich zu nutzen, und das schon als ganz junger Mensch.

Ich habe früh angefangen, viel zu lesen. Mit ungefähr sieben Jahren habe ich „Betty und ihre Schwestern“ über Weihnachten regelrecht verschlungen. Das Buch war für mich eine Quelle der Kraft. Lesen stärkt einen und gibt einem den Mut, hinauszugehen, etwas zu tun und einfach man selbst zu sein.

Das ist etwas, das Lesen grundsätzlich bewirken kann. Man darf auch einmal ein kleines Stück in seiner eigenen Fantasiewelt leben.

Cover: „Little Women. Betty und ihre Schwestern – Erster und zweiter Teil. Schmuckausgabe mit Goldprägung“, Louisa May Alcott, Penguin Random House Verlagsgruppe

Was kann ein Buch anders als ein Bildschirm?

Ich finde, man kann sich unglaublich viel vorstellen. Lesen regt die Kreativität und die Fantasie an.

Ein Bildschirm lässt vieles einfach ablaufen. Das kann für manche Menschen gut sein. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der Bildschirme und künstliche Intelligenz ganz selbstverständlich dazugehören. Ein Buch hingegen bringt einen noch einmal ein bisschen zur Ruhe. Man kann sich selbst vorstellen, wie etwas aussehen soll.

Ich habe beispielsweise alle Harry-Potter-Bücher auf Englisch gelesen. Als die Filme damals herauskamen, dachte ich: Professor Snape hatte ich mir tatsächlich genauso vorgestellt. Harry Potter selbst hätte ich mir allerdings anders gewünscht.


Katharina Spieß-Velcovská, Gründerin der Tschechischen Schule ohne Grenzen Rhein-Main in Frankfurt

Gibt es Bücher oder Autorinnen, die deinen Blick auf ein Thema oder auf das Leben verändert haben?

Für mich sind es mehrere Bücher. Eigentlich geht es dabei eher um bestimmte Autorinnen. Eine davon ist Kateřina Tučková, eine tschechische Schriftstellerin. Sie hat viel dazu beigetragen, dass in Tschechien ein Perspektivwechsel stattfindet. Wenn wir über das Sudetenland sprechen oder darüber, wie Tschechen die Deutschen sehen, berühren wir ein sehr sensibles Thema.

Auch Radka Denemarková ist in Tschechien eine bedeutende Schriftstellerin. Sie ist eine sehr mutige Frau. Wenn man genau zuhört, was sie sagt, und vor allem liest, was sie schreibt, kommt man kaum umhin, die eigene Perspektive und die eigenen Denkweisen zu hinterfragen. Sie leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Welches Buch aus Tschechien würdest du jemandem als Erstes empfehlen?

Auf jeden Fall Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková. Das ist ein schwieriges, aber sehr wichtiges Thema.

Und von Radka Denemarková würde ich Ein herrlicher Flecken Erde empfehlen. Auch dieses Buch behandelt Themen, die mit der deutsch-tschechischen Geschichte zusammenhängen.

Cover: „Gerta. Das deutsche Mädchen“, Kateřina Tučková, aus dem Tschechischen von Iris Milde, Klak Verlag

Welche Geschichten braucht unsere Welt noch viel mehr?

Alle Geschichten! Ich würde nicht sagen, dass nur eine bestimmte Art von Geschichte interessant ist. Wichtig sind für mich Geschichten, die von Wahrheit erzählen. Denn manchmal schmerzt die Wahrheit, manchmal berührt sie uns. Aber sie bewegt etwas.

Das hängt auch mit Václav Havel zusammen. Auch er vertrat die Ansicht, dass wir nicht immer im Voraus wissen müssen, ob etwas gut oder schlecht ist. Entscheidend ist, dass wir etwas tun.


Herzlichen Dank an alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner für die anregenden Gespräche und Einblicke!

Und jetzt bin ich neugierig auf Ihre Perspektive: Welche Geschichte hat Sie berührt, zum Nachdenken gebracht oder Ihren Blick auf die Welt verändert?

Ich freue mich auf Ihre Lesetipps und Empfehlungen!



Bildquellen

Titelbild/ Fitzek-Sofa auf der Buchmesse © Cathrin Rieger

Buchcover: mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Verlage: Aufbau Verlage, Autaria/ Fuhrland, Diogenes Verlag, Penguin Klak-Verlag, Random House Verlagsgruppe, Ravensburger Verlag,





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Ein Kommentar zu „This changes everything: Was Bücher bewegen können“

  1. Avatar von gleaming390ab7faa3
    gleaming390ab7faa3

    Danke liebe Kathrin,

    bei mir funktioniert der Link zum Blog leider nicht …

    Herbstliche Grüße aus Bonn, Hans-Jürgen

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