Wenn die Uhr weiß, dass ich Durst habe – über die Entfremdung vom Leben

7–10 Minuten

Von Cathrin Rieger


Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als Kate Middleton nach der Geburt ihres ersten Kindes vor die Presse trat, musste ein PR-Team erklären, weshalb unter ihrem Kleid noch ein Bauch zu sehen war. Ein Kind war geboren worden, ein per se natürlicher Prozess und kein Paket ausgepackt – schwupps: hier ist das Baby. Der Körper der Mutter, der neun Monate lang gewachsen war, hatte sich nicht binnen Stunden zurückgebildet. Das klingt skurril und könnte man als eine bloße Randnotiz aus der Klatschpresse abtun; tatsächlich zeigt sie aber etwas Grundsätzliches: Geburt, Wochenbett, Stillen gehören zu den ältesten Erfahrungen der Menschheit; trotzdem müssen sie inzwischen erklärt und eingeordnet werden, als wären sie exotische Ausnahmezustände.

Menschen bekommen Kinder, Menschen sterben. Früher spielte sich beides mitten im Alltag ab, im Haus, im sog. „Austragsheisl“ (Austragshaus) wie man in Bayern sagt, in denen die vorherigen Generationen untergebracht waren, in der Nachbarschaft, unter den Augen der Familie – das gehörte einfach dazu. Heute findet Geburt im Kreißsaal statt und Sterben im Krankenhaus oder Hospiz. Diese Vorgänge werden delegiert: Fachpersonal übernimmt.

Aus dieser Verlagerung ist eine merkwürdige Fremdheit entstanden, gegenüber dem eigenen Körper, der eigenen Verantwortung sowie seinen elementarsten Fähigkeiten.

Ausgelagerter Alltag

Diese Fremdheit setzt sich in unseren Lebensbereichen auch weiter fort: Die Wohnung putzt eine Reinigungskraft, das Auto ist so smart und erinnert mich, dass ich die Fenster schließen muss, bevor ich das Auto verlasse und warnt mich, dass es im Winter glatt sein kann; Kochen, jahrhundertelang als Kulturtechnik mit Familienrezepten von einer Generation an die nächste weitergegeben, verliert immer mehr an Bedeutung. Einen Blumenkohl schmackhaft zuzubereiten überfordert längst viele: Was macht man damit? Was einmal Grundversorgung war, ist zum Hobby geworden, oder zur schicken Koch-Sendung im Fernsehen, die man sich genüßlich beim Essen aus der Lieferdienst-Tüte ansieht.

Der vermessene Körper

Auch der Körper ist an Fachleute oder Technik-Gadgets delegiert: Der Arzt, eigentlich Spezialist für Krankheit, soll zunehmend auch Gesundheit erklären und überwachen. Die Uhr am Handgelenk übernimmt den Rest: Sie zählt Schritte, misst Schlaf, verteilt digitale Sternchen fürs Trinken, ein Belohnungssystem für Erwachsene, deren Körper scheinbar verlernt haben, selbst nach Wasser zu verlangen. Bei Rückenschmerzen meldet sich die nächste App und rät zu Bewegung. Ein Hinweis, den früher der Rücken und das eigene Körpergefühl selbst gegeben hat, ohne Umweg über ein Technik-Gadget.

Screenshot der App „Waterllama“, die an das Trinken erinnert

Wie tief diese Erklärungsbedürftigkeit inzwischen reicht, zeigt sich auch bei etwas so Elementarem wie Sommerhitze. In einem Ratgeber-Beitrag rät das ZDF Menschen bei hohen Temperaturen unter anderem dazu, sich im Schatten aufzuhalten und direkte Sonne zu meiden.1 Ganz ehrlich, für wen ist eine solche Information tatsächlich neu? Dass ausgerechnet dieser Hinweis öffentlich-rechtlich verbreitet werden muss, deutet auf denselben Verlust hin, der sich durch Wochenbett, Küche und Gesundheits-Tracker zieht: Das Vertrauen in das eigene, elementare Körperwissen schwindet, und an seine Stelle tritt die Anleitung aus „Expert:innen-Hand“.

Erklärungsbedürfig sind auch unsere Lebensmittel im Supermarkt: Was ist gesund und was ungesunde Ernährung. Der Nutri-Score soll uns dabei helfen und bewertet Lebensmittel auf einer fünfstufigen Skala von dunkelgrün bis rot und teilt auf einen Blick mit, was einst der eigene Geschmack und ein wenig Küchenerfahrung erkannt haben: dass hochverarbeitete Fertigkost weniger taugt als frisches Gemüse. Zusammen mit Erinnerungen ans Händewaschen oder dem Rat, sich bei Hitze im Schatten aufzuhalten, entsteht eine Infantilisierung von Erwachsenen, wobei diese behandelt werden wie Kinder, die selbst offensichtliche Dinge nicht mehr einschätzen können. Diese Infantilisierung ist die Kehrseite der Entfremdung: Wo eigenes Wissen verloren geht, tritt Anleitung an seine Stelle, freundlich formuliert, aber immer mit dem stillen Vorwurf verbunden, dass man es allein nicht mehr könnte.

Wie sag ich es? – entfremdete Kommunikation

Werfen wir den Blick auf unsere Sprache; diese verschwindet zunehmend hinter Technik: Wie kommuniziere ich direkt im Gespräch mit Menschen? Oldschool macht man das mittlerweile echt ungern. Stattdessen schlagen Messenger Formulierungen vor, künstliche Intelligenz übernimmt die Antwort, glättet den Ton, findet passende Worte zum Geburtstag.

Was aber ist ein Glückwunsch wert, den niemand selbst geschrieben hat? Eine Nachricht lebt von der Mühe, die Gedanken, die jemand sich macht, von der kurzen Erinnerung an den anderen Menschen, von zwei, drei eigenen Sätzen. Eine automatisch generierte Karte mag korrekt formuliert sein, aber sie ist irgendwie seelenlos und nicht gefühlt.

Was die Forschung dazu sagt

Ich habe mal ein bisschen recherchiert zum Thema „Entfremdung“, wie man diese Tendenzen soziologisch, theologisch sowie psychologisch einordnen kann, und bin auf verschiedene Denkansätze, kluger Köpfe gestoßen, die ich extrem spannend finde:

Karl Marx beschrieb bereits im 19. Jahrhundert die Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit, von deren Produkt und letztlich von sich selbst.

Fast zeitgleich, wenn auch aus einer völlig anderer Profession denkend, entwickelte der Theologe Paul Tillich einen verwandten Gedanken zum Thema „Entfremdung“: Sünde ist bei ihm in erster Linie kein bloßer Regelverstoß, sondern Entfremdung des Menschen von seinem eigentlichen Sein, von Gott, von sich selbst und von den anderen. Zwei sehr unterschiedliche Denktraditionen, die unabhängig voneinander aber doch bei dem Thema „Entfremdung“ landen.2

Schaut man in die Bibel findet man in der Paradieserzählung ein Urbild einer Entfremdung: die Vertreibung aus dem Garten Eden als Bruch der ursprünglichen, unmittelbaren Beziehung, zur eigenen Arbeit, die seither Mühe kostet, und zum eigenen Körper, der plötzlich Scham empfindet. 3

Der katholische Theologe und Kulturkritiker Romano Guardini hat lange vor Rosa den Verlust der unmittelbaren Naturbeziehung des modernen Menschen beschrieben, eine frühe Ahnung dessen, was sich heute im warnenden Auto und im Nutri-Score zeigt.4

Der Soziologe Hartmut Rosa hat diesen Gedanken für die Gegenwart weitergedacht und der Entfremdung das Konzept der Resonanz entgegengesetzt: eine spürbare, lebendige Beziehung zur Welt, die verloren geht, sobald immer mehr Lebensbereiche fremdgesteuert und kaputtoptimiert werden.5 Übertragen auf den eigenen Rücken bedeutet das: Wer lernt, den Schmerz selbst zu deuten und sich Ruhe oder entsprechende Bewegung zu gönnen, erlebt etwas anderes als jemand, der auf das grüne Licht der Smartwatch wartet. Resonanz entsteht somit im eigenen Spüren.

Beim Thema „Gesundheit“ hat bereits in den 1970er-Jahren der Gesellschaftskritiker Ivan Illich vor der „Enteignung der Gesundheit durch Expert:innen“ gewarnt und beschrieb, wie Institutionen genau diese Eigenkompetenzen untergraben, die sie per se stärken sollten: Je mehr Technik und Fachpersonal übernehmen, desto weniger trauen Menschen dem eigenen Urteil.6

Psychologisch bekommt diese Entwicklung einen Namen: erlernte Hilflosigkeit (Martin E. P. Seligman) und Seligman thematisiert damit auch die sinkende Selbstwirksamkeit: Wenn Entscheidungen, die man früher intuitiv aus dem Körperwissen heraus getroffen hat, an Apps und Algorithmen delegiert, schwindet zunehmend das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.7

Studien zur Nutzung von Fitness-Trackern zeigen zudem einen paradoxen Effekt: Statt mehr Sicherheit erzeugt die permanente Selbstvermessung häufig nur noch mehr neurotische Sorge und nimmt uns das Restvertrauen in die eigene Wahrnehmung. Soziologen nennen diesen Prozess Deskilling – den schrittweisen Verlust von alltäglichen Lebenskompetenzen zugunsten einer institutionellen und technologischen Abhängigkeit. Kochen, Pflege, gemeinsames Trauern: All das wandert aus der Gemeinschaft ab in professionelle Hände. Und mit diesen Handgriffen verschwindet ein Stück jenes gemeinsamen Alltags, der Menschen früher zusammenhielt.

Wieder mehr Zutrauen wagen

Mir geht es hier keineswegs darum, mit erhobenem Zeigefinger über die moderne Welt zu schimpfen, „früher war alles besser!“ zu rufen, technische Neuerungen allgemein zu verdammen oder irgendjemandem die spielerische Freude an der neuen Tracking-Uhr oder der unterhaltsamen App zu verderben. Für viele Menschen machen diese technischen Helfer absolut Sinn. Sie können bei gesundheitlichen Einschränkungen ein echter Motivator sein und vor allem anfangs Sicherheit schenken, etwa wenn bei Herzproblemen oder bei älteren Menschen im Ernstfall automatisch ein Notruf abgesetzt wird. Das ist ein enormer Fortschritt.

Und ja, manche Apps können auch hilfreich und unterhaltsam sein und einfach Freude machen. Die Lama-Trink-App finde ich sehr ansprechend. Das darf alles sein!

Worüber ich mir vielmehr Gedanken mache, ist die kritische Dosis: Dass wir vor lauter digitalen Hilfestellungen und sog. „Expert:innen-Wissen“ nicht vergessen, wieder auf uns selbst zu hören; dass wir uns nicht weiter von unserem eigenen Bauchgefühl, von unserem eigenen Körper und unseren Empfindungen und Bedprfnissen sowie von der Natur entfremden.

Statt in Schwarz-Weiß-Kategorien oder in richtig und falsch zu denken, würde ich mir wünschen, dass die Rückkehr ins eigene Leben im Kleinen beginnt: mit einem selbst gekochten Blumenkohl, einer Geburtstagsnachricht, die zwei Minuten länger dauert, weil man nach den richtigen Worten sucht, oder dem Versuch, den eigenen Rücken wieder zu spüren und ihm Ruhe oder Bewegung zu gönnen – ganz ohne grünes Licht von der App am Handgelenk. Und ja, bei Hitze darf man ganz intuitiv, ohne ZDF-Ratgeber, in den Schatten gehen und ein kühles Glas Wasser trinken.

Welche Beobachtungen machen Sie im Alltag?

Haben Sie das Vertrauen in Ihr Bauchgefühl bewahrt oder wo verlassen Sie sich lieber auf Daten und Expertinnen und Experten?

Schreiben Sie mir gerne dazu: info{at]cathrinrieger.com



Fotos: Titelbild: Chatgpt, Screenshot der App von https://apps.apple.com/de/app/wasser-trinken-erinnerung-lama/id1454778585,, Hand mit Gemüse: Cathrin Rieger


Literatur-Empfehlungen und Quellen:

1 ZDFheute: Tipps gegen Hitze: Wie Schutz bei heißen Temperaturen gelingt, zdfheute.de, zuletzt aktualisiert 2025.; https://www.zdfheute.de/ratgeber/gesundheit/hitze-tipps-wetter-100.html

2 Paul Tillich: Systematische Theologie, Band II, De Gruyter/Evangelisches Verlagswerk Stuttgart. Vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Tillich

3 Genesis 3 (Vertreibung aus dem Paradies), z. B. https://www.bibleserver.com/EU/Genesis3

4 Romano Guardini: Briefe vom Comer See, 1927, Neuausgabe unter dem Titel Die Technik und der Mensch, Topos-Taschenbuch. Vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Romano_Guardini

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Resonanz_(Soziologie)

6 https://www.amazon.de/Die-Enteignung-Gesundheit-Medical-Nemesis/dp/349803202X

7 https://de.wikipedia.org/wiki/Erlernte_Hilflosigkeit

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp 2016. –> https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-resonanz-t-9783518298725

Ivan Illich: Die Enteignung der Gesundheit. Medical Nemesis, Rowohlt 1975. –> https://zeithistorische-forschungen.de/2-2020/5866

Paul Tillich: Systematische Theologie, Band II, De Gruyter/Evangelisches Verlagswerk Stuttgart 1958

Romano Guardini: Briefe vom Comer See, Neuausgabe unter dem Titel Die Technik und der Mensch, Topos-Taschenbuch. 1927





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