Widerstehen und wachsen – Die Macht des Dunklen in unserer Zeit – und wie wir ihr entgegentreten

7–10 Minuten

Von Pater Anselm Grün


Bei der Taufe und auch bei der Erneuerung unseres Taufversprechens in der Osternacht werden wir gefragt: „Widersagt ihr dem Satan? Und all seiner Bosheit? Und all seinen Verlockungen?“ Vielen von uns dürften diese Worte fremd bleiben oder sogar unangenehm aufstoßen. Was soll das mit dem Widersagen denn für einen Sinn haben? Und was soll der Satan, was sollen die Dämonen? Führt uns das nicht in längst vergangene Zeiten, in denen man überall den Teufel am Werk gesehen und in Angst vor den Dämonen gelebt hat? Auf den ersten Blick mag das so erscheinen, doch es kommt immer darauf an, wie wir diese Worte in unsere Zeit hinein übersetzen können. Die Tatsache, dass sich ein alter Ritus durchgehalten hat, zeigt, dass mit ihm wesentliche Bereiche der menschlichen Seele angesprochen werden.

Lukas nennt den Teufel „diabolos“, einen, der alles durcheinanderwirft, der verwirrt, der unsere Gedanken durcheinanderbringt. Wenn wir dieses Bild anschauen und es auf uns wirken lassen, dann trifft das durchaus auch auf unsere heutige Situation zu. Wir wissen oft nicht, woran wir sind. Und es gibt nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Staaten und Gruppen, die bewusst die Fakten verfälschen. Tagtäglich werden heute Fake News in großen Mengen produziert, sodass die Menschen gar nicht mehr wissen, was Wahrheit und was Lüge ist. Unser Denken wird verwirrt.

Dämonen sind nicht irgendwelche selbstständigen Wesen, Dämonen sind vielmehr Bilder für Kräfte und Mächte und Tendenzen, die uns auch heute am Leben hindern wollen. Wir können vieles darunter verstehen: Lebensmuster, die uns krank machen, innere Zwänge, Tendenzen in unserer Gesellschaft, die uns nicht guttun und die dazu beitragen, dass wir uns von uns selbst entfremden. Manche mögen hier auch an destruktive oder dunkle Mächte denken, die in der Welt wirken und die wir nicht so recht zu fassen kriegen. Von solchen finsteren Mächten reden heute viele Menschen. Sie haben den Eindruck, dass sie von diesen destruktiven Mächten umgeben sind, die ihnen Angst machen und sie verunsichern.

Der Widerstand, den wir bei der Taufe leisten sollen, hat ein Ziel: ein neues Leben. Der Erste Petrusbrief, den manche Exegeten für eine Taufpredigt halten, spricht davon, dass wir in der Taufe neu geboren werden. Und dieses neue Leben drückt sich so aus: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi.“ (1 Petr 1,18–19) Wir sind frei geworden von den alten Zwängen. In der Sprache Sigmund Freuds könnten wir sagen: Wir werden nicht mehr von den Gesetzen und Normen unseres Über-Ichs bestimmt. Der Brief des Petrus nennt diese Lebensweise, die vom Über-Ich geprägt wird, sinnlos, leer.

Das griechische Wort „mataios“ bedeutet: „nichtig, eitel, unnütz, wahnhaft“. Das Wort bezeichnet das, was die Buddhisten eine Scheinwelt nennen. Durch die Taufe wurden wir aus einer hoffnungslosen Scheinwelt in die wirkliche Welt hineingehoben, in die Welt, die von Hoffnung geprägt ist. Der Widerstand, den wir gegen die alten Zwänge und gegen die dämonischen Mächte leisten sollen, ist also von der Hoffnung geprägt, dass wir – wie es Paulus in seiner Taufpredigt nennt – „in der Neuheit des Lebens“ (Röm 6,4) wandeln. Die Taufe schenkt uns die Hoffnung auf ein neues Leben, das nicht mehr bestimmt wird von dämonischen Mächten, von den inneren Antreibern unseres Über-Ichs, von Zwängen und Ängsten, sondern das vielmehr Freiheit atmet. Der Widerstand, den wir gegen den Widersacher leisten, ist somit von der Hoffnung auf eine neue Lebensweise getragen.

Viele Menschen bringen die Hoffnung nicht mehr mit dem Bild der Taufe zusammen. Für sie ist die Taufe ein altes Ritual, das sie nicht richtig verstehen. Daher braucht es eine Auslegung der Taufe und Taufriten, damit wir spüren: Es geht um unser Leben im Hier und Heute. Wenn wir daran glauben, dass wir nicht durch die Vergangenheit festgelegt sind, dass wir nicht durch die Lebensweise bestimmt werden, die uns das Über-Ich diktiert, sondern wenn wir darauf hoffen dürfen, dass wir auf neue Art und Weise leben und in dieser Welt wirken können, dann geht von uns eine Ausstrahlung aus, die die Welt um uns herum verwandelt. Wir werden dann ähnlich wie die ersten Christen die Menschen unserer Umgebung neugierig machen, weil von uns Hoffnung ausgeht. Dann ist es unsere Aufgabe, den Menschen Rede und Antwort zu stehen, wenn sie nach der Hoffnung fragen, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Wir sind dann nicht mehr fixiert auf die „von den Vätern ererbten Lebensweise“, auf die Lebensmuster, die uns vom Leben abhalten, und auf die lebensfeindlichen Kräfte in unserer Gesellschaft. Wir leben dann – wie der Philosoph Ernst Bloch das in seinem Buch Das Prinzip Hoffnung ausdrückt – als Menschen, die auf ein „besseres Leben“ hoffen, die die Realität unserer unsicheren Welt „überschreiten“, die „ins Gelingen verliebt [sind] statt ins Scheitern“ (Bloch, 1 f.).

Was Paulus im Römerbrief und was der Erste Petrusbrief über das neue Leben, das uns die Taufe schenkt, schreiben, könnten wir in der Sprache C. G. Jungs auch als einen Weg zu unserem wahren Selbst bezeichnen. Für C. G. Jung ist Christus der Archetyp des Selbst. Der Widerstand gegen die lebensfeindlichen Mächte und die Entscheidung für Christus ist daher immer auch eine Entscheidung für das wahre Selbst, die Entscheidung für das Leben nicht mehr aus dem Ego, sondern aus dem Selbst. Wenn wir wahrhaft wir selber werden wollen, müssen wir Widerstand gegen Kräfte leisten, die uns am Leben hindern, die uns davon abhalten wollen, wahrhaft Mensch zu werden. Dieser Widerstand gilt den destruktiven Mächten in unserer Gesellschaft, er richtet sich etwa gegen Finanzmächte, die sich selbstständig gemacht haben, aber auch gegen krankmachende Kräfte in unserer eigenen Seele. Letztlich gibt uns die Hoffnung auf eine neue Lebensweise, die uns die neue Geburt aus der Taufe gewährt, die Kraft, Widerstand gegen die feindlichen Mächte zu leisten. Widerstand und Hoffnung gehören daher immer zusammen.

Das Thema Widerstand wird gegenwärtig von der Psychologie in einer modernen Variante unter dem Stichwort „Resilienz“ neu aufgegriffen. Dabei ist Resilienz mittlerweile zu einem Modewort geworden. Da tut es gut, genauer hinzuschauen, was die Resilienzforschung unter dem Begriff versteht. Resilienz wird sehr verschieden definiert. Die Entwicklungspsychologin und Pionierin der Resilienzforschung Emmy Werner bezeichnet sie als die Kraft „zum guten Widerstand gegen Widrigkeiten“. Andere verbinden sie mit unserer Widerstandsfähigkeit gegenüber Widerfahrnissen, die von außen auf uns zukommen. Der französische Psychiater Boris Cyrulnik definiert Resilienz als Widerstand gegen Schicksalhaftes. Und er meint: „Menschen, die sich als Gestalter/innen ihres Lebens verstehen, Menschen, die sich nicht in einer Opferrolle positionieren, Menschen, die den Lauf der Dinge nicht für unabänderlich halten – haben bessere Voraussetzungen, in einer bestimmten Situation resilient aufzutreten.“ (Sedmak, Patristik und Resilienz, 1 f.) Der Altphilologe Wilhelm Blum beschreibt Resilienz „als:

  • die Fähigkeit, sich trotz aller Widrigkeiten des Lebens wohlzufühlen und dankbar zu sein;
  • die Kunst, sich immer wieder aufzurichten;
  • die Widerstandskraft ohne Zorn gegenüber Vergangenem;
  • der fröhliche Blick nach vorne, mithin der Wille, die Zukunft nicht nur passiv zu bestehen, sondern aktiv zu meistern.“ (Blum, 11).

Der Resilienz als Widerstandskraft bedürfen wir aber nicht nur als der Fähigkeit, den Widrigkeiten in unserem persönlichen Leben zu widerstehen, sondern auch als der Kraft, uns gegen gesellschaftliche Tendenzen zu stellen, die uns am Leben hindern. Es braucht heute eine besondere Wachsamkeit, um nicht gesellschaftlichen Tendenzen zu verfallen, die uns auf unserem Weg der Selbstwerdung schaden und die ein gutes Miteinander unmöglich machen. Ausgehend von den Erfahrungen der Bibel und der frühen Mönche möchte ich in diesem Buch¹ daher den Widerstand gegen die Dämonen zum einen als Weg zu gelingender Selbstwerdung beschreiben, zum anderen aber auch als einen Weg zu einer Gesellschaft, die im Frieden miteinander zu leben vermag. Wir sind den lebensfremden Mächten nicht einfach ausgeliefert. Wir dürfen hoffen, dass wir sie überwinden und so als neue, als hoffende Menschen leben.

Doch zuvor möchte ich von der Psychologie C. G. Jungs her fragen, wie wir die Dämonen heute verstehen können, sodass sie uns nicht als das Relikt einer fremden Zeit erscheinen, sondern wir sie als Tendenzen in der menschlichen Seele und in unserer Gesellschaft heute erkennen.

Fortsetzung ?

¹ Anmerkung der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um die Einleitung aus dem Buch von P. Anselm Grün: „Widerstehen und Wachsen. Die Macht des Dunklen in unserer Zeit – und wie wir ihr entgegentreten.“ (Herder Verlag, Freiburg 2025).

Auszug aus dem Buch „Widerstehen und wachsen – Die Macht des Dunklen in unserer Zeit – und wie wir ihr entgegentreten.“ von Anselm Grün (S. 09–15). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags Herder.


Foto von P. Anselm Grün: Katharina Gebauer


Fotos: Cathrin Rieger, Leuchtturm: Foto von Pete Nuij auf Unsplash, Autorenfoto: Katharina Gebauer


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Gibt es das: Dämonen und böse Geister? Oder handelt es sich um Relikte eines längst vergangenen Denkens, das in unserem Leben schon lange keine Rolle mehr spielt? In seinem neuen Buch richtet Anselm Grün den Blick auf die Dämonen unserer Gegenwart, die uns nicht nur im persönlichen Leben begegnen, sondern auch unsere Gesellschaft prägen. Ob es sich um destruktive Gefühle wie Zorn oder Trägheit handelt, um eine Verabsolutierung der Ökonomie oder eine alles überflutende Kommunikation, die uns den Blick für das Wesentliche raubt.

Wie können wir heute auf diese »bösen Geister« reagieren und uns ihnen widersetzen? Und wie kann Heilung geschehen? Anselm Grün verknüpft geistliche Weisheit mit modernen psychologischen Ansätzen. Ein Buch, das dazu inspiriert, destruktiven Einflüssen zu widerstehen und innerlich zu wachsen.

P. Anselm Grün OSB, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2025


Weitere Bücher von P. Anselm Grün OSB:

https://www.herder.de/autoren/g/anselm-gruen

https://www.vier-tuerme.de/anselm-gruen





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Ein Kommentar zu „Widerstehen und wachsen – Die Macht des Dunklen in unserer Zeit – und wie wir ihr entgegentreten“

  1. […] & Spiritualität: Getragen von klugen Impulsen von P. Anselm Grün, P. Wolfgang Sigler und Rainer […]

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