Werben, rumkriegen oder erobern?

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5–7 Minuten

Von Frank Berzbach


Wir leben in einer Zeit, in der man bei Anglizismen kurz innehalten sollte, die Sprache selbst ist nämlich verräterisch. Die feschen US-amerikanischen Begriffe, mit denen wir heute den Alltag beschreiben, sind eben nicht nur treffender – sie verändern etwas. Das Wörtchen Dating hat eine französische Hochkultur abgelöst, die des Rendezvous. Unter einem Rendezvous verstand man eine «Verabredung von Verliebten», während das Dating das Treffen mit «möglichst vielen wechselnden Partnern» meint – diese Auskunft liefert das Internet. Das ist mehr als eine kleine Veränderung: Klasse wird durch Masse ersetzt wie Gastrosophie durch Geschmacksverstärker. Statt wenigen Treffen viel Aufmerksamkeit zu schenken, wickelt man die Dates routiniert ab, Männer scheinen die Profile der Erwählten gar nicht mehr zu lesen.

Beim Thema Beziehungsanbahnung geben aber eine ganze Reihe sprachlicher Veränderungen kritisch Auskunft: Während man früher davon sprach, «um eine Frau zu werben» oder eine «Dame für sich zu gewinnen», so finden sich heute auf den großen Dating-Portalen Empfehlungen wie man «eine Frau rumkriegen» kann oder sie «erobert» – das eine klingt nach Betrug, das andere nach einer kriegerischen Operation. Es wundert also nicht, dass solche Strategien entweder nur kurzfristig Erfolg haben oder gleich in der Niederlage enden. Was überhaupt ist das Ziel, wenn man sich mit jemandem verabredet?

Wer möglichst schnell ins Bett einer Frau will, der braucht weniger ein Date, er braucht nur einen Treffer auf einem der speziellen Portale, die Sex-Dates organisieren. Die sind ehrlicher als die gängigen Mainstream-Portale – beide Seiten wissen, worum es geht und auch, worum eher nicht. Aber auch hier behandeln sich Menschen leider wie Gegenstände, die man beliebig fallen lassen kann. «Ghosting» ist die gängige Form des Umgangs. Wenn es über Sex hinausgehen soll, wird es noch komplizierter. Wer ernsthaftere Absichten hat, der lädt erste Treffen mit hohen Erwartungen auf, die sich wie eine Bewerbungssituation anfühlen. Mancher fällt mit der Tür ins Haus und will sogar schon Fragen der Familienplanung klären, um Menschen auszuschließen, die von den eigenen Vorstellungen abweichen. Eine gelassene Erstbegegnung wird unmöglich. Generell ist der erste Eindruck kein echter mehr, sondern folgt aufgrund virtueller Selbstdarstellung in einem digitalen Portal. Das Beherrschen Menschen besser oder schlechter, jedenfalls geht beim Dating so viel schief, dass man schon über diesen Auftritt gründlich nachdenken sollte. Steht dort, was ich will? Zeigen die Fotos, wer ich bin? Und stellt sich beim ersten Treffen dann heraus, dass man überhaupt gelesen hat, was eine Frau dort schreibt?

Gerade Frauen beklagen eine hohe Diskrepanz zwischen dem Online-Auftritt und ersten realen Treffen, dies beginnt bei der Kleidung. Warum kommt jemand in Adiletten und Hoody, der auf einem Foto ansehnlich bekleidet ist? Wollte man nicht den treffen, den man zuvor digital gesehen und daher gewählt hat? Die Kleiderfrage ist für viele entscheidend, weil es das erste ist, was wir sehen. Wer sich kleidet, sagt etwas über sich: Ist mir die Situation wichtig? Bemühe ich mich, für den anderen anziehend zu wirken? Oder zeigt sich der Egoismus schon dadurch, dass ich nur nach meinen Befindlichkeiten gehe? Selbst Frauen, die in ihrem Profil explizit darauf hinweisen, wie wichtig ihnen die äußere Erscheinung ist, berichten von abgründigen Erfahrungen. Dabei machen es die Texte, die wir auf Portalen finden, recht einfach, das Gegenüber einzuschätzen – zumindest, wenn man sie aufmerksam liest. Und wäre das nicht angebracht? Immerhin will man etwas von der Frau, die man trifft.

Spricht man mit Frauen über ihre Dating-Erfahrungen, dann öffnet sich ein Abgrund. Miese Kleidung ist noch eins der geringeren Missgeschicke. Wenn ich Dates beobachte, und in vielen Bars sind sie nicht zu übersehen, dann sehe ich vor allem die Männer reden. Sie reden und reden, und manche Frau geht allein wieder Nachhause, ohne auch nur eine Frage gehört zu haben. Es mag die Nervosität sein, wohlwollend interpretiert, aber besteht ein Gespräch nicht aus dem relativen Gleichgewicht der Redeanteile? Wer glaubt, vor allem von sich selbst erzählen zu müssen, hat der überhaupt ein Date mit jemand anderem? In der griechischen Mythologie finden wir die Geschichte von Narziss, der nicht lieben konnte und der sich in sich selbst verliebte, als er sein Spiegelbild sah. Er brauchte kein Date, aber er bekam auch nie eine Frau! Er ging in Selbstverliebtheit einsam unter.

Vielleicht ist es an der Zeit das Date wieder in ein Rendezvous zu verwandeln – wer das schafft, der kann sogar eine Dame für sich gewinnen. Vorher sollte er um sie werben, statt sie nur vollzutexten. Er sollte sich von der besten Seite zeigen, es dem Gegenüber und nicht nur sich einfacher machen. Er sollte nicht vergessen, worauf viele Frauen wirklich stehen: Dass man ihnen zuhört, sie sieht, sie in ihrer Individualität wahrnimmt. Beim Rendezvous begegnen sich potenziell Verliebte, nicht Partner eines joint ventures. Zum ersten Treffen gehören weder übereilte anzügliche Anspielungen noch das Alleinreden, weder die großen Fragen zur Zukunft oder die Familienplanung. Der «Grundwerteabgleich» wird zum einen überbewertet – Partner finden Kompromisse und ändern sogar Ansichten – und zum anderen ist für all das genug Zeit, wenn es zum zweiten, dritten oder zehnten Treffen kommen sollte. Ob man ein Rendezvous in eine dunkelrote Bar legt oder lieber am Fluss entlang spazieren will, kann jeder für sich entscheiden. Man findet keine längerfristige Partnerin, nur weil man sie «hot» findet (auch hier ein Anglizismus) oder weil sie Monologe über sich ergehen lässt. Sondern wir finden häufig jemanden sinnlich anziehend, in den man sich verliebt hat – und das länger als nur eine Nacht. Es ist daher gar nicht so klug, nach einem Date zu fragen – schlagen Sie ein Rendezvous vor!  



Fotos: Cathrin Rieger („Tanz statt Tinder“, Persona-Maske), Autoren-Foto: Frank Berzbach


Veröffentlichungen:

Das Alphabet der Lebenskunst
Was dem Alltag Tiefe verleiht

Seit der Antike beschäftigt uns die ars vivendi – »die Kunst zu leben«. Was macht sie aus, die Kunst des Lebens? Dazu will Frank Berzbach Anregungen geben: in 69 Miniaturen von A wie Achtsamkeitsübung über F wie Freundschaft bis Z wie Zen; mal sachlicher oder poetischer, ästhetischer oder kulturkritischer – je nach Stichwort.

2025


Weitere Bücher von Dr. Frank Berzbach:

https://www.frankberzbach.com/buchbeschreibungen




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