Immer diese Jungs?! – Kleine Helden auf der Suche nach ihrem Platz

4–7 Minuten

Von Cathrin Rieger

Zwischen Lautstärke und Schweigen

„Immer diese Jungs!?“ – Diesen Satz habe ich oft gehört.
In meinen Beratungen, Workshops und in meiner Tätigkeit als Lehrkraft in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern ist er ein wiederkehrendes Thema.

Gemeint sind damit vor allem die lauten, die wilden, die selbstbewussten Jungen, die sich messen, rangeln, Grenzen austesten und dabei auch mal darüber hinausgehen.

Und ja, keine Frage: Sie fordern heraus. Und ja, sie können manchmal wirklich massiv stressen

Aber vielleicht steckt dahinter mehr als Übermut oder Dominanz?
Vielleicht auch Unsicherheit, der Wunsch nach Orientierung, nach Resonanz – danach, gesehen zu werden?

Kleine Helden in Not

Zum ersten Mal wirklich berührt hat mich das Thema in meinem Studium. Damals fiel mir das Buch Kleine Helden in Not – Jungen auf der Suche nach Männlichkeit von Dieter Schnack und Rainer Neutzling in die Hände, erschienen 1990 bei Rowohlt. Dadurch bekam vieles, was ich vorher nur als „typisch Junge“ abgetan hatte, eine andere Tiefe.

Das Buch war seiner Zeit voraus. Während die Frauenbewegung wichtige Debatten über die Erziehung von Mädchen angestoßen hatte, galt lange stillschweigend: Jungen geht es gut. Sie wachsen frei und zufrieden auf, es gibt keinen besonderen Handlungsbedarf.

Schnack und Neutzling zeigten: So einfach ist es nicht.

Auch die Zahlen sprechen bis heute eine klare Sprache. Jungen erhalten etwa deutlich häufiger eine ADHS-Diagnose (KiGGS-Studie, Robert Koch-Institut, 2006). Sie brechen Schule häufiger ab, zeigen im Durchschnitt schwächere Leistungen in der Lesekompetenz (PISA-Studien seit 2000) und sind unter den Schulabgängern ohne Abschluss überproportional vertreten (Nationaler Bildungsbericht 2024).

Drei Jahrzehnte nach Kleine Helden in Not ist die Frage also nicht verschwunden – sie ist drängender geworden.

Seitdem begleitet mich eine zentrale Frage:
Was macht einen Jungen heute aus? Und wie findet er seinen Platz?

Das Spannungsfeld, in dem Jungen aufwachsen

Viele Jungen wachsen zwischen zwei Polen auf, die kaum weiter auseinanderliegen könnten:

Auf der einen Seite stehen traditionelle Männlichkeitsbilder: stark sein, sich durchsetzen, keine Schwäche zeigen. Auf der anderen Seite werden genau diese Bilder zunehmend hinterfragt – zu Recht.

Was bleibt, ist oft keine Klarheit, sondern Verunsicherung. Jungen spüren, dass alte Rollen nicht mehr tragen, aber sie finden nicht automatisch neue Orientierung.

Also beginnen sie, sich auszuprobieren:
Wie wirke ich, wenn ich laut bin?
Wie komme ich an, wenn ich tough auftrete?
Oder andersherum: Was passiert, wenn ich mich zurücknehme, still werde, beobachte?

Immer auf der Suche nach Resonanz.

Der Forscher Dr. Reinhard Winter bringt es treffend auf den Punkt: Wenn Jungen sich vor allem an kommerziellen Männlichkeitsbildern orientieren, ist das oft eine Reaktion darauf, dass ihnen im Alltag kaum tragfähige Alternativen angeboten werden.

Das wirkt nach und regt zum Nachdenken an.

Zwischen „zu viel“ und „zu wenig“

Die Debatte über Männlichkeit ist wichtig. Dennoch erzeugt sie Nebenwirkungen.

Jungen geraten schnell in Zuschreibungen und in Schubladen:
Sind sie wild, gelten sie als problematisch.
Sind sie ruhig, erscheinen sie oft als „zu sensibel“ oder „zu wenig“.

Beides greift zu kurz.

Denn die eigentliche Frage bleibt: Woran können sie sich orientieren?

Zwischen Superhelden und Profisportlern gibt es viele Bilder von Stärke, aber nur wenige, die zeigen, wie man mit Unsicherheit, mit Scheitern oder mit der eigenen Gefühlswelt umgeht.

Was Jungen brauchen

Was brauchen Jungen denn dann?

Jungen brauchen auf jeden Fall keine neuen Etiketten, sondern sie brauchen Beziehung, Resonanz und eine Haltung, die ich gerne als „klar und nah“ bezeichne.

Jesper Juul, der dänische Familientherapeut und einer der einflussreichsten Stimmen der modernen Pädagogik, hat das einmal sehr präzise formuliert:

„Kein Kind will Aufmerksamkeit. Es braucht Beziehung, will am Leben seiner Eltern teilhaben.“ (Jesper Juul, Familylab)

Aufmerksamkeit und Beziehung – das ist ein entscheidender Unterschied, der den Kern trifft. In einem anderen Beitrag in unserem Magazin beleuchte ich, warum genau Beziehung, Sicherheit und Resonanz so wichtig sind für das Lernen von Kindern und wie pädagogische Beziehungen gelingen können: Beziehung in der Pädagogik – warum Lernen Sicherheit und Resonanz braucht.“

Meine Erfahrung zeigt außerdem: Besonders weibliche Pädagoginnen und Mütter neigen dazu, Jungen „zu zulabern“. Ein alter Witz bringt diese Tendenz überspitzt auf den Punkt: „Ein Mann, ein Wort. Eine Frau, ein Wörterbuch.“ kommt nicht von ungefähr. Da steckt ein Funken Wahrheit drin, denn manchmal sind wenige, klare Worte die bessere Leitplanke als lange Erklärungen. Das kann trotzdem freundlich, zugewandt und gewaltfrei sein. Klar und nah- das ist keine Härte, das ist Orientierung.

Jungen brauchen Erwachsene, die hinschauen. Die ihre Energie und Lebensfreude nicht nur bremsen, sondern verstehen. Jungen wollen sich aktiv ausprobieren, entdecken, wirksam sein.

Und gleichzeitig brauchen sie ein reflektiertes Gegenüber, das Grenzen setzen kann – ohne zu beschämen.

Sie brauchen Vorbilder: keine perfekten, sondern glaubwürdige.

Männer, die zeigen, dass Mut nicht nur laut ist, dass man zweifeln darf und dass Stärke auch leise sein kann.

Weniger erklären, mehr verstehen

Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind schnell darin zu sagen, wie Jungen sein sollten und langsam darin zu fragen, wie es ihnen eigentlich geht.

Entwicklung entsteht allerdings nicht durch Vorgaben, sondern durch wirkliche Begegnung: durch Zuhören und durch Verlässlichkeit.

Ich weiß, das klingt einfach, ist aber alles andere als leicht.

Ein offenerer Blick: auf Jungen und unsere Pädagogik

Vielleicht brauchen wir keinen neuen „Typ Mann“. Vielleicht reicht ein anderer, frischer Blick. Ein Blick auf Jungen, der weniger bewertet, sondern mehr aushält und Jungen zutraut, ihren eigenen Weg zu finden.

Dafür lohnt es sich aber auch, unsere pädagogischen Lernräume, Bildungssysteme und Konzepte kritisch anzuschauen: Sind unsere Strukturen wirklich an den Bedürfnissen von Jungen ausgerichtet? Ist eine Schulpädagogik, die Kinder stundenlang stillsitzen und sich mit feinmotorischer Fingerfertigkeit beschäftigen lässt, für alle Kinder gleichermaßen passend?

Und: Macht es manchmal nicht auch Sinn, Mädchen und Jungen in bestimmten Bereichen getrennt zu begleiten und sie in anderen wieder zusammenzuführen?

Wie sinnvoll ist unsere durchgehende Koedukation in der Kita- und Schulbildung?
Braucht es nicht auch Räume, in denen Jungen unter sich sein dürfen –
um sich auszuprobieren, ohne ständigen Vergleich?

In der Jungenpädagogik geht es nicht darum, die Pole zwischen „zu hart“ und „zu weich“ weiter zu befeuern. Sondern darüber hinaus zu denken – bedürfnisorientiert, mit positiven Beispielen, mit reflektierten Pädagog*innen, präsenten Vätern und glaubwürdigen Vorbildern, jenseits von Rollenklischees.

Die entscheidende Frage, die mich seit meinem Studium begleitet, bleibt dieselbe:

Was verändert sich, wenn wir Jungen nicht formen wollen, sondern sie dabei begleiten, sich selbst zu finden?

Schreiben Sie mir gerne auch Ihre Erfahrungen mit Jungenpädagogik:

info@cathrinrieger.com





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