Halt finden, wenn alles wankt. – Von der (therapeutischen) Zuversicht in unsicheren Zeiten

2–3 Minuten

Von Marlies Engelhardt

Manchmal sitze ich in meiner Praxis und denke an die Welt da draußen. An die Nachrichten über politische Konflikte, die Klimakrise und den rechtskonservativen Backlash, der für immer mehr Menschen eine ganz reale Bedrohung darstellt.

Alles scheint gerade schwer und undurchsichtig. Persönliche Fragen drängen sich auf: In welcher Welt werden unsere Kinder leben? Wie kann ich zuversichtlich bleiben und Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten bewahren? Wie bleibe ich informiert, ohne mich von der täglichen Nachrichtenflut überwältigen zu lassen?

Von mir als Therapeutin erwarten Menschen oftmals Orientierung zu geben, Stabilität zu vermitteln und Zuversicht zu wecken. Gleichzeitig gibt es Momente, in denen ich selbst verunsichert und manchmal überwältigt bin. Ich weiß nicht immer, welche Worte wirklich Halt geben. Es gibt Momente, da ist alles Wissen nutzlos und nur noch die Ehrlichkeit hilft: „Ich weiß es auch nicht.“

Meine systemische Haltung hilft mir, diese Spannung auszuhalten. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht alles wissen muss, dass Verhalten immer im Kontext zu verstehen ist, und dass kleine Ressourcen und Stärken oft eine größere Wirkung entfalten, als wir denken.

Zuversicht entsteht nicht aus aufgesetztem Optimismus oder aus dem Drang, alles lösen zu wollen. Sie entsteht im gemeinsamen Aushalten, im Zuhören und in der Verbundenheit. Auch meine eigenen Fragen können Teil dieses Prozesses sein. Sie zeigen den Menschen, dass es in Ordnung ist, nicht immer stark zu sein, und dass Zuversicht auch in kleinen, unscheinbaren Momenten wachsen darf.

Aus dieser Haltung der Zuversicht wiederum kann Resilienz entstehen – die Fähigkeit, ambivalente Gefühle auszuhalten und dennoch handlungsfähig zu bleiben. Manchmal für andere, manchmal nur für uns selbst. Sie zeigt sich im kleinen Alltäglichen: im Gespräch mit einer verzweifelten Klientin, im gemeinsamen Lachen trotz großer Sorgen, in der Bereitschaft, die Unsicherheit auszuhalten, ohne die Kontrolle erzwingen zu wollen. Resilienz wächst nicht isoliert, sondern im Austausch und in Beziehungen, die Sicherheit und Halt bieten.

Kann das, was wir am meisten scheuen, gar ein Geschenk für andere sein: unsere eigenen Zweifel und Ängste zu zeigen? Wenn wir ehrlich über sie sprechen, schaffen wir einen Raum, in dem Menschen sich gesehen fühlen.

Wir vermitteln: Es ist in Ordnung, nicht alles zu wissen. Es ist in Ordnung, Angst zu haben. Und gerade darin liegt die Möglichkeit, Zuversicht zu spüren und weiterzugeben. Leise, manchmal kaum spürbar, aber wirksam.

Welche kleinen Momente, Begegnungen oder Gesten erlauben es mir, Zuversicht zu spüren, auch wenn die Welt unsicher ist?

Was hilft mir, in meiner eigenen Mitte zu bleiben, während ich anderen Unterstützung biete?

Wie schön wäre es, gemeinsam Wege zu finden, Zuversicht zu halten, selbst wenn wir nicht alles verstehen und die Zukunft ungewiss ist. Vielleicht liegt gerade darin, im ehrlichen Aushalten von Zweifel und Unsicherheit, die Chance, innere Stärke zu spüren und weiterzugeben.





Entdecke mehr von Perspektivwechsel – Das Magazin

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Perspektivwechsel - Das Magazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen