Damit Menschen sich selbst erkennen können – Beratung zwischen Zurückhaltung und Resonanz

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3–5 Minuten

Von Cathrin Rieger

„Beraten heißt nicht, dem anderen zu sagen, was er tun soll, sondern ihn dabei zu unterstützen, es selbst herauszufinden.“ – Arist von Schlippe (2007)

Bis heute wird Beratung häufig mit Expertise, schnellen Antworten und klugen Lösungsvorschlägen verwechselt. Der systemische Beratungsansatz setzt jedoch an einer anderen Stelle an. Nicht im Wissensvorsprung der beratenden Person, sondern im Verstehen-Wollen des Gegenübers. Sie setzt beim DU an. Wer systemisch berät, geht davon aus, dass Menschen Experten ihres eigenen Lebens und Systems sind. Nicht der Coach, Therapeut oder Supervisor kennt die „richtige Lösung“, sondern der Klient selbst, auch wenn er sie nicht sofort greifen kann.

Zurückhaltung als professionelle Kompetenz

Eine der anspruchsvollsten Kompetenzen in Coaching, Beratung und Führung ist für mich die Zurückhaltung. Sie braucht Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, die eigenen Bewertungen, Erfahrungen und schnellen Lösungsideen einen Moment zurückzustellen. Dann kann sichtbar werden, was den anderen gerade beschäftigt und welche eigene Antwort vielleicht schon in ihm steckt.

Aus meiner Beratungspraxis weiß ich, wie schwer das manchmal ist. Pausen auszuhalten, einen Gedanken nicht sofort weiterzuführen und darauf zu vertrauen, dass sich etwas entwickeln darf, braucht Übung und Selbstdisziplin. Vor allem braucht es Vertrauen in die Fähigkeiten des Gegenübers.

Ich berate nicht, damit ich glänze. Ich berate, damit du dich selbst besser erkennen kannst.

Und trotzdem kommt häufig genau dieser Wunsch mit in ein Beratungsgespräch: „Sag mir, wie es geht.“

Eine gute Beratung gibt Orientierung. Sie hilft, Zusammenhänge zu erkennen, Fragen zu klären und eigene Möglichkeiten zu entdecken. Am Ende geht es darum, dass der Mensch seinen Weg selbst weitergehen kann.

Systemisch heißt: Fragen statt Antworten liefern

Im systemischen Coaching führt nicht derjenige, der am schnellsten eine Lösung präsentiert, sondern derjenige, der die richtigen Fragen stellt. Wer fragt, der führt –dabei geht es eben nicht um Macht, sondern um Resonanz.

Fragen irritieren.
Fragen öffnen.
Fragen laden ein, den Rahmen zu wechseln.

So kann ein Perspektivwechsel entstehen. Eine Frage bringt einen Gedanken irgendwie ins Wanken. Eine Hypothese eröffnet eine andere, neue Möglichkeit. Manchmal hilft es, eine Situation bewusst einmal anders zu betrachten; vor allem wenn jemand blockiert ist, kann auch ein paradoxer Impuls etwas wieder in Bewegung bringen. Eine Übertreibung, ein ungewohnter Blick auf das altbekannte Problem oder eine kleine gedankliche Irritation reicht manchmal schon aus.

Dabei geht es um Neugier. Was passiert, wenn wir die Dinge für einen Moment anders betrachten?

Haltung statt Rezept

Systemische Beratung beginnt für mich mit einer Haltung. Mit der Bereitschaft, offen zu bleiben und nicht schon zu wissen, wohin ein Gespräch führen wird.

Der Mensch, der mir gegenübersitzt, kennt sein eigenes Leben besser als ich. Er bringt Erfahrungen, Wissen und seine ganz eigene Sicht auf die Situation mit. Daran knüpft Beratung an.

Mich interessiert, was hinter einer Aussage steckt, welche Zusammenhänge sichtbar werden und welche Fragen vielleicht noch fehlen. Dabei darf auch etwas offenbleiben. Eine gute Beratung braucht Raum für Nachdenken, für Irritation und für neue Perspektiven.

So wird Beratung zu einer gemeinsamen Wegerkundung. Ich begleite den Prozess, stelle Fragen, gebe Impulse und biete meine Erfahrung an. Den eigenen Weg geht am Ende der Mensch selbst.

Macht reflektieren – nicht benutzen

Beratung findet nie machtfrei statt. Allein der Rahmen – jemand sucht Hilfe, jemand bietet Unterstützung –erzeugt ein Gefälle. Professionelle Beratung braucht deshalb eine kritische Selbstreflexion:

Welche Wirkung haben meine Fragen?
Was mache ich mit meiner Rolle?
Wo verführe ich zu Abhängigkeit?
Wo verführe ich zu Anpassung?

Systemische Beratung beginnt für mich mit einer Haltung: offen zu bleiben, neugierig zu sein und nicht schon bereits am Anfang zu wissen meinen, wohin ein Gespräch führen wird.

Wer mir gegenübersitzt, bringt etwas mit, das ich nicht mitbringen kann: die eigene Lebensgeschichte, Erfahrungen, Wissen und den Blick auf die eigene Situation. Genau dort beginnt für mich Beratung.

Ich höre zu, frage nach, stelle Zusammenhänge her und manchmal auch etwas infrage. Ich versuche wahrzunehmen, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Manchmal ist eine Frage wichtiger als eine schnelle Antwort. Manchmal braucht ein Gedanke einfach etwas Zeit.

Beratung wird damit zu einer gemeinsamen Erkundung. Ich bringe meine Erfahrung und meine fachliche Perspektive ein. Du bleibst die Expertin oder der Experte für dein eigenes Leben. Ich begleite dich dabei, deinen Blick zu schärfen und vielleicht etwas zu entdecken, das vorher noch nicht sichtbar war.

Beratung als Entwicklungsraum

Beratung ist dann gelungen, wenn Menschen sich am Ende selbst besser verstehen, ihre Muster erkennen, Verantwortung übernehmen sowie neue Optionen finden. Das erfordert Zeit, Reflexion und eben manchmal auch Irritation. Gute Beratung schafft keinen Konsens, sie schafft Bewegung.

Gute Beratung heißt nicht wissen.
Gute Beratung heißt wirklich verstehen wollen.






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