Die Macht der Frage – führen in dienender Haltung

4–6 Minuten

Von Cathrin Rieger

Warum Fragen Räume öffnen und Menschen wachsen lassen

„Was willst du, dass ich dir tue?“ – Markus 10,51

Diese Frage klingt einfach und doch ist sie von großer Tiefe. Jesus stellt sie mehreren Menschen, die ihm begegnen: Suchenden, Kranken, Blinden. Oft weiß er längst, worum es geht und dennoch fragt er sein Gegenüber. Er beginnt das Gespräch in der Begegnung mit dieser tiefgründigen Fragen: Was willst du, dass ich dir tue?

Warum?

In den Evangelien begegnen uns, je nach theologischer Zählung, über 220 Fragen, die Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern sowie anderen Menschen stellt. Die exakte Zahl ist dabei weniger entscheidend als das dahinterliegende Muster: Jesus belehrt nicht zuerst, er erklärt nicht oder hält lange Reden. Nein, er fragt. Er hört zu.

Darin zeigt sich eine Haltung, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat und sie lässt sich in einem bekannten Satz zusammenfassen:

Wer fragt, der führt.

Schauen wir uns das genauer an: Was können wir als Führungskräfte, Lehrkräfte, Pädagoginnen und Pädagogen und Coaches davon lernen?

Echte Führung beginnt mit Zuhören

Fragen sind mehr als nur ein methodisches Werkzeug: Fragen sind Ausdruck einer inneren Haltung.Wer fragt, zeigt Interesse, der möchte zuhören. Dabei ist das Besondere: wer zuhört, verzichtet zunächst auf eigene Interpretation, Deutung, Bewertung und Lösung.

Lösungsaufschub, wie wir sie auch in der Mediation kennen, ist dabei ein wichtiges Kernelement: Die Erhellung, die eigene Reflexion und die Ziele sollen erst einmal erkannt werden.

Echte Führung und eine gute Beratung beginnt genau hier: beim Zuhören.

Führung und Beratung brauchen eine Richtung, allerdings wird sie erst dann sinnvoll, wenn sie sich am Gegenüber orientiert.
Zuhören bedeutet dabei, dem anderen zu vertrauen, dass er bzw. sie selbst weiß oder im Laufe des Gesprächs herausfinden kann, was für ihn/sie wichtig ist.

Zurück zum Eingangszitat von Jesus, das ein starkes Beispiel dafür ist: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Diese Fragehaltung findet sich mehrfach in den Evangelien, z.B. hier:

  • Markus 10,51 (Heilung des blinden Bartimäus).
  • Lukas 18,41 (parallele Überlieferung derselben Begegnung).
  • Matthäus 20,32 (Heilung von zwei Blinden).

Bemerkenswert ist, dass Jesus diese Frage stellt, obwohl die Not des Gegenübers offensichtlich ist. Er übergeht die Menschen nicht mit einer vorschnellen Lösung, er hört zu und erst dann handelt er entsprechend.

Dienen als Haltung

Dienen wird häufig missverstanden, denn es klingt oftmals nach Schwäche, Selbstaufgabe oder devote Unterordnung. In diesem Zusammenhang bedeutet „Dienen“ jedoch etwas anderes: eine zugewandte, respektvolle und präsente Haltung, die den anderen ernst nimmt. Ein Da-sein für das Gegenüber.

Gerade in Führung, Beratung, Therapie, Lehre oder Coaching ist diese Haltung wichtig, denn diese Rollen sind immer auch mit Macht verbunden.

Die Frage ist nicht, ob wir Macht haben. Die Frage ist, wie wir mit ihr umgehen.

Dienende Führung ergänzt Macht durch Beziehung. Sie nutzt die Position nicht aus oder missbraucht sie, um zu dominieren, sondern um Entwicklung zu ermöglichen. Wer dient, tut dies nicht, weil er unsicher ist, sondern weil er sicher genug ist, um Raum zu geben.

Wenn Macht auf Menschen trifft: typische Gefahren

In der Arbeit mit Menschen , sei es als Führungskraft oder im Beratungskontext, lauern einige wiederkehrende Fallen. Sie entstehen oft aus guter Absicht, wirken jedoch hinderlich.

1. Die Wettbewerbs-Haltung

„Das kenne ich auch. Bei mir war es noch viel schlimmer.“

Was Nähe schaffen soll, kippt schnell in einen Vergleich. Die Aufmerksamkeit wandert vom Anliegen des Gegenübers weg. Die Rollen verschieben sich udnd die Beratung wird so zur eigenen Bühne.

2. Der Lösungs-Wettbewerb

„Ich hätte da eine Idee …“

Erfahrung und Fachwissen sind wichtig. Kommen jedoch Lösungen zu früh ins Spiel, nehmen sie dem anderen die Möglichkeit, selbst zu denken, zu fühlen und zu entscheiden. Die Lösung mag klug sein, aber sie gehört nicht der Person, die sie erhält. Die Zeit ist noch nicht reif.

3. Das „Ja, aber …“

„Ja, aber das geht bei mir nicht.“

Jeder und jede Berater*in kennt das: Ein „Ja, aber“ entkräftet alles, was zuvor gesagt wurde. Es verstärkt eine Problemtrance und führt zur Stagnation. Für Entwicklung ist allerdings Offenheit nötig, keine argumentative Abwehrhaltung.

4. Der Rat-Schlag

Gut gemeinter Ratschlag kann einen erschlagen, das steckt bereits im Wort schon drin. Besonders dann, wenn er nicht aus dem inneren Entwicklungsprozess des Gegenübers entsteht. Beratung wird dann zur Inquisition statt zur klärenden Supervision.

Haltung braucht Zurückhaltung

Professionelle Beratung und Coaching sind keine spontanen Ratschläge und sind auch kein freundschafliches Küchentischgespräch, bei dem jeder mal von sich erzählt. Professionelles Coaching und Beratung ähneln vielmehr einem narrativen Spiel mit klaren Phasen, Regeln und Rollen. Diese Struktur schützt davor, Macht zu missbrauchen oder unbewusst zu dominieren. Zudem hilft diese Struktur dem Gegenüber RAum zu geben, sich selbst zu reflektieren, innerlich zu organisieren und eigene für sein/ ihr System passende Lösungen zu kreieren.

Zur Haltung gehört deshalb immer auch Zurückhaltung: nicht sofort zu reagieren, nicht sofort zu interpretieren und nicht sofort zu lösen.

Die leitende Frage

Was willst du, dass ich dir tue?

Diese Frage eignet sich sowohl als Einstieg als auch als Abschluss von Beratung oder Führung: Sie rahmt die Begegnung und lädt zur Reflexion ein.

Was brauche ich wirklich?

Wobei wünsche ich mir Unterstützung und wozu kann ich mir diese selbst geben?

Was ist mein nächster Schritt?

Am Anfang öffnet diese Frage den Raum. Am Ende rundet sie ihn ab.

Vielleicht liegt das Geheimnis guter Führung und Beratung genau darin: nicht Menschen zu formen oder zu dominieren, sondern ihnen so zu dienen, dass sie sich selbst entfalten können und aus dieser Klarheit heraus wiederum ihrem Tun und dem größeren Ganzen dienen.

Wer fragt, der führt: Und wer zuhört, lässt Wachstum zu.

Dient mein Fragen dem Gegenüber oder meinem eigenen Bedürfnis nach Kontrolle?




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